Aung San Suu Kyi : Ihre erste Wahl in Birma

Aung San Suu Kyi ist die Heldin der Birmanen. Nun will sie ins Parlament. Ob das klappt, gilt als Test für den Reformkurs der Ex-Militärs.

Richard Licht
Viele Hoffnungen ruhen auf ihr: Aung San Suu Kyi bei der Fahrt zu einem Wahlkampfauftritt in der Stadt Sagaing. Foto: Angela Brkic/dpa
Viele Hoffnungen ruhen auf ihr: Aung San Suu Kyi bei der Fahrt zu einem Wahlkampfauftritt in der Stadt Sagaing. Foto: Angela...Foto: dpa

Die stille Revolution in Birma dürfte am Sonntag in die zweite Runde gehen. Die Ikone der Opposition, Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, wird bei den Nachwahlen in dem südostasiatischen Land zum ersten Mal für einen Sitz im Parlament kandidieren – und nach Erwartung aller Beobachter diesen haushoch gewinnen. Insgesamt werden nur 45 Mandate neu bestimmt, weil diese Abgeordneten ins Kabinett berufen wurden. Ein kleiner Anteil, aber die Nachwahlen haben einen hohen symbolischen Wert. Sie gelten als entscheidender Test dafür, wie ernst es den noch immer mächtigen Militärs und ihrer offiziell zivilen Regierung mit dem Reformkurs ist, den sie Mitte 2011 überraschend eingeschlagen haben.

So unnachsichtig die Generäle die Tochter des Freiheitshelden Aung San jahrelang verfolgten, so sehr haben ihre Widersacher von einst sie seit ihrer Freilassung eine Woche nach der Wahlfarce 2010 umarmt. Niemand hatte damals einen solchen Wandel für möglich gehalten. Die Junta hatte Suu Kyis Partei NLD den überwältigenden Sieg bei den Wahlen 1990 nicht zugestanden, 2007 den Aufstand der Mönche blutig niedergeschlagen, 2008 die Menschen nach dem verheerenden Zyklon im Irrawaddy-Delta wochenlang allein gelassen und internationale Hilfe untersagt. Das Wahlgesetz ließ damals eine Kandidatur von Suu Kyi nicht zu, sie rief daraufhin zum Boykott auf. Inzwischen ist das Gesetz geändert.

Die Lady, wie sie genannt wird, setzte sich nach und nach mit den Menschenrechtsverächtern an einen Tisch. Sie nennt Präsident Thein Sein, Ex-General und ehemaliger Premier, heute einen „ehrlichen Mann“. Mit seinem Namen wird der Öffnungskurs verbunden. So viel Nachsicht hatte Suu Kyi nicht mit denen, die sich 2010 als NDF von ihrer Partei abspalteten und zur Wahl antraten. Verräter aus dem eigenen Lager dürfen offenbar nicht auf die Versöhnung hoffen, die sie für das Land fordert.

Jahrzehntelang war unvorstellbar. wie die 66-Jährige jetzt im Wahlkampf quer durchs Land reiste. Kilometerlang standen die Menschen Spalier, wohin Suu Kyi kam, und jubelten ihrer Heldin zu. Offenbar mutete sie sich zu viel zu. Nachdem ihr mehrfach übel wurde, sagte sie auf ärztlichen Rat weitere Termine ab. Am Freitag meldete sie sich noch einmal, beklagte Behinderungen ihrer Partei. Beobachter führten diese Störfeuer eher auf Altgediente im Apparat zurück als auf eine Strategie der Staatsspitze. Die Zensur wurde inzwischen so weit gelockert, dass Suu Kyi offen mit Sätzen zitiert wird, welche die Regierung als Angriff verstehen muss. Das Staatsfernsehen strahlte sogar eine Wahlkampfrede von ihr aus.

Noch vor anderthalb Jahren wurde über sie nur hinter vorgehaltener Hand geredet. Heute ist Suu Kyi allgegenwärtig und eine gefragte, auch ohne Mandat mächtige Gesprächspartnerin. Einigen jüngeren Birmanen geht der „Personenkult“ um Suu Kyi bereits zu weit. „Immer nur Suu Kyi. Wir haben auch andere gute Politiker“, klagt eine junge Journalistin. Sie meint damit die internationale Aufmerksamkeit und auch die eigenen Kollegen, die mehr über die Debatten im Parlament schreiben sollten. Dort gebe es trotz der vielen Abgeordneten aus dem Militär und dessen Partei USDP rege Diskussionen.

Die neue Regierung hat viele politische Gefangene freigelassen, das Internet geöffnet, Kritik zugelassen, Waffenruhen mit vielen ethnischen Rebellengruppen (aber keineswegs allen) geschlossen, sich mit dem Stopp eines Megastaudamms gegen die Partner aus China gestellt. Jetzt hofft sie, dass nach einer halbwegs freien Wahl (sprich einem respektablen Ergebnis für Suu Kyi und die NLD) die Sanktionen mindestens kräftig gelockert werden und das Land den Paria-Status verliert. Das hat der Westen in Aussicht gestellt. Internationale Beobachter meinen, das müsse dann auch bald passieren, um die Reformer zu unterstützen. Denn die Hardliner, denen die neuen Freiheiten nicht gefallen, gibt es immer noch. Auch viele Birmanen trauen dem Frieden noch keineswegs.

0 Kommentare

Neuester Kommentar