Politik : „Aus dem Super-GAU wurde keine Lehre gezogen“

Der Physiker Wladimir Kusnezow, der bis 1985 in Tschernobyl arbeitete, über die russische Atomindustrie 20 Jahre nach dem Unfall

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„Das unbekannte Tschernobyl" lautet der Titel Ihres kürzlich erschienenen Buches. Was wissen wir denn noch nicht über Tschernobyl?

In unserem Buch sind Informationen enthalten, die bisher nicht nachlesbar waren. Ich arbeitete im Kraftwerk seit 1979 im dritten Reaktor, im vierten geschah der Unfall. Die Atmosphäre, die im Kraftwerk herrschte, war durch das sowjetische System begründet. Es herrschte strenge Geheimhaltung. Über Unfälle, die früher in anderen Atomkraftwerken passierten, wussten wir nichts. Ich denke an die Unfälle im Leningrader Akw 1974 und 1975, die gemäß der Internationalen Atomenergie-Organisation die Vorläufer des Unfalls in Tschernobyl 1986 waren. Aber aus diesen Unfällen zog niemand die entsprechenden Schlüsse. Darum waren wir auf den Vorfall im April 1986 nicht vorbereitet.

Wie kam es dazu?

Schuld war nicht das Personal. Das Projekt war sehr schlecht, Technik und Ausrüstung waren von keiner guten Qualität. Früher oder später musste es dazu kommen. Es gab sehr viele Leute, die davor warnten, dass ein solcher Unfall bei diesem Reaktortyp möglich sei. Es gab Leute, darunter sogar Arbeiter aus Tschernobyl, die dem Zentralkomitee der KPdSU schrieben und vor einer Katastrophe warnten. Die zuständigen Behörden ignorierten diese Berichte. „Das kann nicht sein“, sagten sie sich. Aber es war damals und auch heute schwierig für einen Einzelnen, gegen die Bürokratie anzukommen. Damals und heute. Wenn heute eine solche Katastrophe passieren würde, wären wir absolut unvorbereitet. Es wurde überhaupt keine Lehre aus den Vorfällen von 1986 gezogen.

In Russland sind immer noch elf Reaktoren vom selben Typ wie in Tschernobyl in Betrieb. Kann heute so etwas wie in Tschernobyl wieder vorkommen?

Das kann ganz leicht passieren. Der letzte Unfall ereignete sich im Mai 2005 im Leningrader Akw. Ich war in Zypern, um Vorlesungen zu halten, als ich über BBC davon erfuhr. Ich fragte in Moskau nach, ob es in den Medien Informationen darüber gab. Es gab keine. Erst nach zehn Tagen bestätigte der russische Energiekonzern Rosenergoatom, dass es einen Unfall gab. Was in Tschernobyl war oder heute ist, macht keinen Unterschied. Die Leute, die heute in den russischen Atomenergiebehörden arbeiten, sind die gleichen wie damals. Die Hauptursache für Tschernobyl liegt im Kopf, im Denken der Menschen. Es wurden keine Lehren gezogen. 1993 erfolgte in Russland bei Tomsk der größte Reaktorunfall nach Tschernobyl. Es gab keine Informationen, alles wurde geheim gehalten. Die Evakuierung der Bevölkerung erfolgte erst eine Woche nach dem Unfall. Die russischen Medien schreiben nicht über Tschernobyl. Keine der staatlichen Atomenergiebehörden organisiert zum 20. Jahrestag von Tschernobyl irgendeine Veranstaltung.

Aber auch die Atomenergiebehörde muss um diese Gefahren wissen. Warum werden die Reaktoren nicht geschlossen?

Das kostet sehr viel Geld – 500 Millionen Dollar pro Reaktor. Geld gibt es heute in Russland, aber niemand will es für die Schließung dieser Reaktoren ausgeben. In Russland existieren heute 16 Reaktoren der ersten Generation. Sie sind 30 und mehr Jahre alt und müssten abgeschaltet werden. Aber sie laufen weiter, und der Staat nimmt dieses Risiko bewusst in Kauf. Der jüngste Reaktor kam im Dezember 2004 in Betrieb. Er wurde vor 20 Jahren gebaut.

Trotzdem setzt Russland in seiner Energiestrategie auf Atomenergie, will neue Kraftwerke bauen und den Anteil der Kernenergie von 16 auf 25 Prozent steigern.

Das ist ein persönlicher Wunschgedanke Sergej Kirijenkos, des Leiters von Rosatom. Es gibt keine Fabriken, kein Konzept, keine Leute, die die neuen Kraftwerke bauen könnten. Heute laufen in Russland 31 Reaktoren. Bis 2050 sollen 40 neue gebaut werden. In Russland werden aber bis dann nur gut 30 Reaktoren laufen, denn die alten 31 Reaktoren müssen bis zu diesem Zeitpunkt alle abgeschaltet sein.

Russland plant die Herstellung von schwimmenden Atomkraftwerken. Was ist der Unterschied zu einem normalen Akw und wann soll das erste fertig sein?

Das erste soll 2007 fertig sein und in der Nähe von Archangelsk eine Rüstungsfabrik mit Strom versorgen. Ziel ist es, mit diesem Prototyp zu beweisen, dass diese schwimmenden Kraftwerke funktionieren. China hat sieben Stück bestellt, auch Indonesien, Vietnam, Chile und Argentinien wollen kaufen. Der Vorteil ist, dass sie auf dem Wasser theoretisch vor Erdbeben geschützt sind. Wie man beim Tsunami gesehen hat, ist dies aber nicht immer der Fall. Sie sind zudem billiger, weil sie einfach in der Fabrik gebaut werden können. Allerdings stellen sie besonders im Zusammenhang mit der Verbreitung von angereichertem Uran und dem Terrorismus eine Gefahr dar. Es sind kleine Reaktoren, wie sie auch in U-Booten eingesetzt werden. Das Uran (das in der Natur mehrheitlich aus U238 besteht) muss daher nicht nur wie bei großen Reaktoren mit vier Prozent, sondern mit 60 Prozent U235 angereichert sein. Bei Atombomben bedarf es 90 bis 95 Prozent.

20 Jahre nach Tschernobyl gibt es Stimmen, welche die Atomenergie als umweltfreundliche und billige Alternative propagieren. Was halten Sie davon?

Das stimmt nicht. Auch Atomkraftwerke geben ein Treibhausgas ab – Krypton 85. Im Unterschied zu CO2 ist es aber radioaktiv und besitzt eine Halbwertzeit von zwölf Jahren. Mehr Atomkraftwerke würden daher zu einer Erhöhung der Radioaktivität in der Atmosphäre führen. Krypton erhöht zudem die elektrische Leitfähigkeit der Atmosphäre und könnte zu einer Zunahme von extremen Wetterereignissen – Taifune, Tornados, Hurrikane – führen. Atomenergie ist zudem teuer: Das Problem der Entsorgung radioaktiver Abfälle ist nicht gelöst, ebensowenig wie das Problem der Nichtweiterverbreitung von Know-how und angereichertem Uran. In Russland sind 28 Diebstähle in Atomkraftwerken bekannt. Um zu verhindern, dass diese Technik in falsche Hände gerät, muss ein riesiger Aufwand betrieben werden.

Die Fragen stellte Christian Weisflog.

Wladimir Kusnezow leitete von 1985 bis 1992 die russische Atomaufsichtsbehörde. Heute arbeitet er für Green Cross, eine von Michail

Gorbatschow gegründete Organisation.

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