Politik : Aus den Augen, aus dem Sinn

Axel Vornbäumen

Manche Zufälle sind tatsächlich welche: Ausgerechnet am Ende jener Woche, in der es ein Haufen lustvoll ausgebreiteter Totenkopfbilder geschafft hat, ein Zerrbild der Bundeswehr entstehen zu lassen, wird im Verteidigungsministerium mal wieder laut darüber nachgedacht, wie der permanenten Überforderung deutscher Soldaten aufgrund einer stetig steigenden Zahl von Auslandseinsätzen Einhalt geboten werden kann. Verteidigungsminister Franz Josef Jung will in absehbarer Zeit seine Soldaten aus Bosnien abziehen. Es ist ein vernünftiger Schritt. Zieht er das tatsächlich durch, darf man ihm zu seiner ersten halbwegs stimmigen Amtshandlung gratulieren.

Ein schier nicht enden wollender Einsatz geht nun also nach mehr als einem Jahrzehnt zu Ende, fast ein Klassiker. Einer, bei dem sich die Bundeswehr in ihrem edlen Bestreben, den Wiederaufbau der bosnischen Zivilgesellschaft zu flankieren, gelegentlich, ja, doch ein wenig gemütlich eingerichtet hatte. Wie gerne wurde in Bundeswehrkreisen gewitzelt, dass etwa die Frage nach der Beschaffenheit des Turnhallenbodens im Feldlager Rajlovac bei den Soldaten von besonderem Interesse war. Nun ist ganz oben die Erkenntnis gereift, dass der Militärjob in dem Balkanstaat artgerechter von Polizisten zu erledigen sei – und nicht nur die Form der Rückendeckung, die Jung vom Vorsitzenden des Bundeswehrverbandes, Bernhard Gertz, („allerhöchste Eisenbahn“) erhält, verdeutlicht, dass die Sinnfrage bezüglich dieses Einsatzes womöglich ein wenig spät gestellt wurde.

Oh ja, das wurde sie! Und Bosnien ist keine Ausnahme. Begünstigt durch eine weitgehend desinteressierte Öffentlichkeit, legitimiert allemal durch Bündnisverpflichtungen und -verflechtungen, hat sich Deutschland nach der Wiedervereinigung zu einer verspäteten Militärnation gemausert. Wohl denn – das musste es auch. Doch meist stand lediglich das olympische Motto Pate: Dabei sein ist alles. Waren die deutschen Soldaten erst mal in der Ferne, mutierte dies gelegentlich zu: aus den Augen, aus dem Sinn. Deutsche Interessen jedenfalls – über die pure Erfüllung der Bündnisverpflichtungen hinaus – ließen sich selten präzise definieren, und wenn, dann waren dazu schon mal ganz große rhetorische Keulenschwünge nötig wie seinerzeit jener von Verteidigungsminister Peter Struck, wonach die Sicherheit Deutschlands auch am Hindukusch verteidigt werde.

Hindukusch, das ist dort, wo ein paar schwarze Bundeswehrschäfchen Knochen aus dem Lehmboden pulten. Aus purer Dummheit, bestimmt. Vielleicht aber auch, weil in die vom täglichen Patrouilleneinerlei unter afghanischer Sonne weich gekochte Birne nicht mehr hineingehen will, was da in dem implodierenden Staat gerade sonst noch geschützt wird außer dem eigenen Leben. Im Kongo, ganz anderer Kontinent, blieben die zur Verstärkung der internationalen UN-Truppe entsendeten Bundeswehrsoldaten am Sonntag der Präsidentenwahl geschlossen auf ihrem vom Stacheldraht umzäunten Gelände. Wie sehr sie damit zur Stabilisierung der Wahlen beigetragen haben, steht dahin – nur dass sie zum 30. November wieder nach Deutschland zurückkehren sollen, steht praktisch fest, wobei es offenkundig egal ist, wie stabil dann die Lage im Kongo nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses sein wird.

Mit „Aus den Augen, aus dem Sinn“ hat das weniger zu tun, mehr mit „Augen zu und durch“. Deutsche Interessen oder deutsches Desinteresse? Es gäbe noch viel zu definieren.

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