Politik : Aus der Metropole in die Provinz

In Paris verhindert die Polizei Krawalle, doch anderswo gibt es neue Ausschreitungen – sogar in Belgien

Christian Tretbar[Paris]

Nicolas Sarkozy weiß sich zu inszenieren. Der französische Innenminister ist nicht nur bekannt für markige Worte und hartes Durchgreifen. Er ist auch stets darauf bedacht, dass Fotografen und Kamerateams ihn, den „Macher“, in Aktion zeigen. Eine Abend-Ausgabe der französischen Fernsehnachrichten ohne Bilder von „Sarko“ darf es nicht geben.

Am Samstag hat er es wieder einmal geschafft. Gegen 19 Uhr spazierte er über die von Menschenmassen gesäumten Champs-Elysees. Demonstrativ besuchte er die Metrostation Charles de Gaulle-Etoile, von der auch Regionalzüge in die Pariser Vororte fahren. Er begrüßte die zahlreichen Polizisten und fuhr dann weiter zum Gare St. Lazare, ebenfalls ein Regionalbahnhof.

Doch die Bilder dieses Besuchs, die in den Abendnachrichten gesendet wurden, waren nicht ganz nach seinem Geschmack. Statt Händeschütteln mit den Polizisten gab es tumultartige Szenen mit schimpfenden Passanten. „Der Bastard ist da“, riefen sie. „Weg mit Sarkozy“, „Ins Gefängnis mit dem Brandstifter“, „Sarko du Ganove, wir haben die Nase voll“, brüllten viele aufgebrachte Passanten. Einige wurden sogar handgreiflich, Sarkozys Bodyguards waren zur Stelle.

Trotz des Tumults kann Sarkozy einer neuesten Umfrage zufolge immer noch mit 53 Prozent Unterstützung unter den Franzosen rechnen. Staatspräsident Jacques Chirac liegt in derselben Umfrage nur bei 29 Prozent. Auch deshalb fällt es Sarkozy leicht, die Attacken gegen ihn herunterzuspielen: „Dass es an einem Samstagabend auf den Champs-Elysees zu Gedränge kommen kann, ist normal. Außerdem war die Zahl derer, die applaudiert haben, größer als die Zahl der Buhrufe“, sagte der Innenminister.

Sarkozys Fans dürften ihm auch deshalb zujubeln, weil das erwartete heiße Wochenende in Paris ausgeblieben ist. Von den angekündigten Krawallen war in der französischen Hauptstadt nichts zu sehen. Rund um das Fußballspiel zwischen Frankreich und Deutschland, das im Stade de France mitten im Unruheviertel St. Denis ausgetragen wurde, blieb es friedlich. Die französische Polizei hatte im Vorfeld des Spiels an zentralen Stellen in der Stadt massive Präsenz gezeigt. Vor jeder größeren Touristenattraktion standen ihre Einsatzwagen und Mannschaftsbusse. Zahlreiche Polizisten patrouillierten auf Bahnhöfen und Metrostationen. Auch ein Versammlungsverbot war verhängt worden. Sarkozy kündigte an, dass zu Beginn der Woche die ersten ausländischen Jugendlichen, die an den Krawallen beteiligt waren, abgeschoben würden.

Während es in Paris ruhig blieb, kam es in zahlreichen anderen Orten Frankreichs zu Ausschreitungen und Randalen. 374 Autos wurden angezündet, die Polizei nahm 212 Personen fest. Damit ging das Ausmaß der Ausschreitungen leicht zurück.

Das Zentrum der Krawalle lag diesmal in Lyon. Im Zentrum der Stadt standen sich auf dem Platz Bellecourt die Polizei und rund 50 Jugendliche am späten Nachmittag mehrere Stunden lang gegenüber. Immer wieder kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Die Jugendlichen demolierten Mülleimer und verwendeten diese als Wurfgeschosse. Sie hatten sich übers Internet und per SMS organisiert. Mittlerweile ist die Gewalt auch ins Nachbarland Belgien übergeschwappt. In Brüssel brannten in der Nacht zu Sonntag 30 Autos. 50 Personen wurden festgenommen. In den Niederlanden zündeten Jugendliche in Rotterdam vier Wagen an.

Bei den Unruhen, die seit 17 Nächten in Folge Frankreich erschüttern, ist ein Schaden von rund 200 Millionen Euro entstanden.

Ein Mensch starb. Neben vielen Gebäuden wurden mehr als

8000 Autos demoliert , der Schaden dafür summiert sich allein auf 20 Millionen Euro.

2500 Randalierer wurden festgenommen, 354 sitzen noch in Haft . In 30 Departments gelten nachts Ausgangssperren. Die Krawalle begannen nach dem Tod zweier Jugendlicher, die vor der Polizei geflohen waren. Sie eskalierten, als Innenminister Sarkozy die Randalierer „Abschaum“ nannte.

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