Politik : „Aus eigener Begabung zur Freiheit“

Auszüge aus der Rede von Bundespräsident Horst Köhler zum 8. Mai

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„Am 8. Mai 1945 sitzt der deutsche SanitätsOberfähnrich Wolfgang Soergel in einem Kriegsgefangenenlager in Schottland. Dort schreibt er in sein Tagebuch: ,Adolf Hitler ist tot. Um Chemnitz wird noch gekämpft, in den zerfetzten Zeitungsmeldungen lese ich von bürgerkriegsähnlichen Zuständen in diesem Raum, in dem ich euch suche. Sehe ich euch wieder? Ende April wurden von britischen Truppen NS-Konzentrationslager befreit (...). Die Wirklichkeit ist viel schlimmer als das Geflüster und Geraune der letzten Monate (...). Es liegt nun kein ehrenvoll Besiegter am Boden, wir werden als Mörderbande angesehen, denen die Maske abgerissen wurde.’

Harte Worte, treffende Worte. So war Deutschlands Lage vor 60 Jahren. (…)

Die Völker und die Menschen, die unter dem so genannten „Dritten Reich“ gelitten hatten, empfanden beim Untergang der Naziherrschaft Freude und Genugtuung. Aber Europa hatte Furchtbares erlebt, ehe dieser Sieg errungen war. (…)

Im Grunde wirkt das Unglück, das Deutschland über die Welt gebracht hat, bis heute fort: Noch immer weinen Söhne und Töchter um Eltern, die damals getötet wurden, noch immer leiden Menschen unter ihren damaligen Erlebnissen, und noch immer trauern ungezählte Menschen in vielen Ländern um den Verlust ihrer Heimat. (…)

Wir Deutsche blicken mit Schrecken und Scham zurück auf den von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg und auf den von Deutschen begangenen Zivilisationsbruch Holocaust.

Wir gedenken der sechs Millionen Juden, die mit teuflischer Energie ermordet wurden, oft nach Jahren öffentlich sichtbarer Entrechtung. Solange es Menschen gibt, wird dieses Grauen jedes fühlende Herz und jeden wachen Sinn bewegen.

Wir gedenken der Sinti und Roma, der Kranken und Menschen mit Behinderung, der politisch Andersdenkenden und der Homosexuellen, die verfolgt und ermordet wurden.

Wir gedenken der vielen Millionen Menschen, die darüber hinaus dem deutschen Wüten vor allem in Polen und in der Sowjetunion zum Opfer fielen.

Wir fühlen Abscheu und Verachtung gegenüber denen, die durch diese Verbrechen an der Menschheit schuldig geworden sind und unser Land entehrten.

Wir trauern um alle Opfer Deutschlands – um die Opfer der Gewalt, die von Deutschland ausging, und um die Opfer der Gewalt, die auf Deutschland zurückschlug. Wir trauern um alle Opfer, weil wir gerecht gegen alle Völker sein wollen, auch gegen unser eigenes.

Wir gedenken des Leids der Zivilbevölkerung in allen Ländern. Wir gedenken der in deutscher Gefangenschaft umgekommenen Millionen Soldaten und der Millionen, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurden. Wir gedenken der mehr als eine Million Landsleute, die in fremder Gefangenschaft starben, und der Hunderttausende deutscher Mädchen und Frauen, die zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt wurden. Wir gedenken des Leids der deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen, der vergewaltigten Frauen und der Opfer des Bombenkriegs gegen die deutsche Zivilbevölkerung.

Wir haben die Verantwortung, die Erinnerung an all dieses Leid und an seine Ursachen wach zu halten, und wir müssen dafür sorgen, dass es nie wieder dazu kommt. Es gibt keinen Schlussstrich. (…)

Deutschland ist heute ein anderes Land als vor sechzig Jahren. Auf den ersten Blick sieht man das am Bild der Städte. Es trennen uns Welten von der Trümmerzeit nach dem Kriege. (…)

Deutschland ist heute aber nicht nur äußerlich ein anderes Land als vor sechzig Jahren. Unser Land hat sich von seinem Inneren her verändert, und das ist erst recht ein Grund zur Freude und Dankbarkeit.

Diesen Dank schulden wir an erster Stelle den Völkern, die Deutschland besiegt und vom Nationalsozialismus befreit haben. Sie haben den Deutschen nach dem Krieg eine Chance gegeben. Das war vernünftig, aber das macht das Geschenk nicht kleiner. (…)

Hier gegenüber, am Bundeskanzleramt, steht in diesen Wochen weithin lesbar ein Satz von Albert Einstein: ,Der Staat ist für die Menschen und nicht die Menschen für den Staat.’ Mit diesen Worten lässt sich auch die zentrale Botschaft der demokratischen Neuordnung in Westdeutschland zusammenfassen: Nicht mehr der Staat oder ,die Partei’ stehen im Mittelpunkt, sondern die Würde und Freiheit des einzelnen Menschen. (…)

Wenn wir heute auf die vergangenen 60 Jahre zurückblicken, empfinden wir Dankbarkeit allen gegenüber, die uns beim Aufbau der Bundesrepublik Deutschland geholfen haben. Wir haben aber auch die Gewissheit, dass wir Deutsche den Weg zu unserer freien und demokratischen Gesellschaft aus eigener Begabung zur Freiheit gegangen sind.

(…) 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg steht unser Land vor mancher Schwierigkeit – wie andere Länder übrigens auch –, aber: Deutschland ist eine stabile Demokratie. Unser Land ist vielgestaltiger und weltoffener als jemals zuvor. Wir haben uns als Nation wiedergefunden. Unser Miteinander in Einigkeit und Recht und Freiheit ist unangefochten. Deutschlands Bürger achten auf soziale Gerechtigkeit, und sie halten zusammen, wenn es darauf ankommt. Es gibt bei uns leider auch Unbelehrbare, die zurück wollen zu Rassismus und Rechtsextremismus. Aber sie haben keine Chance. Dafür steht die überwältigende Mehrheit der mündigen Bürgerinnen und Bürger, und dafür steht unsere wehrhafte Demokratie. (…) An diesen Aufgaben muss sich jede Generation neu bewähren. Nach und nach rücken die Jüngeren in diese Verantwortung. Ich habe großes Zutrauen zu ihnen. Sie lassen sich nichts vormachen und fallen nicht auf falsche Versprechungen herein. Sie ringen um eigene Antworten und misstrauen jedem, der ihnen erzählt, er hätte schon alle Antworten. Sie sind weltoffen und stehen zu ihrem Land. (…)“ Tsp

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