Politik : Aus freien Stücken

Herbert Winkler

Sterben soll "Taliban John" nicht, obwohl er in Afghanistan den Feinden der USA geholfen hat. Aber bezahlen soll der 20 Jahre alte Kalifornier John Walker für den Verrat an seinem Land und dessen Grundwerten. Ernst kündigte US-Justizminister John Ashcroft am Dienstag in Washington an, der amerikanische Taliban-Kämpfer müsse sich vor einem Zivilgericht wegen Beihilfe zum Terrorismus und zur Tötung von Landsleuten verantworten. Darauf steht lebenslänglich.

Zum Thema Dokumentation: Kampf gegen Terror
Fotos: Osama Bin Laden, Krieg in Afghanistan
Aus seinem Gefängnis auf dem Kriegsschiff "Bataan" im Arabischen Meer zieht Walker nun in eine Zelle des Bundesgerichts in Alexandria im Bundesstaat Virginia vor den Toren Washingtons. Dort soll ihm der Prozess gemacht werden, ebenso wie dem Franko-Marokkaner Zacarias Moussaoui, dem mutmaßlich "20. Terroristen" der Anschläge des 11. September.

In Virginia wird es dem jungen Mann, den seine Mitbürger bisher nur bärtig, verwahrlost und geschwächt aus dem Fernsehen kennen, sicher besser gehen als den anderen fast 500 einstigen Kampfgefährten in US-Gefangenschaft. 50 sitzen bereits in den zwei mal zwei Meter großen Drahtverschlägen, die rasch auf dem Stützpunkt Guantanamo auf Kuba zusammengebaut wurden. Auf sie warten Militärgerichte. Und ihnen droht die Hinrichtung.

"Well, Mr. John Walker Lindh ist ein US-Bürger, und gemäß der militärischen Anordnung des Präsidenten gelten (Militär-)Tribunale für Nichtbürger", erwiderte Justizminister Ashcroft auf die Frage nach dem Grund für die Extra-Behandlung des Talibans aus den eigenen Reihen. Ashcroft konnte aber nicht verbergen, dass die Frage nach der richtigen Gerechtigkeit in diesem Fall Bürger und Regierung auch in einen Gewissenskonflikt gestürzt hat.

"Wir haben über Angriffe durch Ausländer auf Amerika nicht hinweg gesehen. Wir können nicht über Angriffe auf Amerika durch US-Bürger hinweg sehen", erläuterte Ashcroft. "Walker entschied sich, mit den Feinden Amerikas an den Frontlinien zu kämpfen. Wir werden vielleicht nie wissen, warum er unserem Land und unseren Werten den Rücken kehrte. Aber wir können nicht ignorieren, dass er es tat. Jugend ist kein Freibrief für Verrat und persönliche Selbsterfahrung ist keine Entschuldigung dafür, gegen sein eigenes Land zur Waffe zu greifen."

Walkers Eltern sehen in ihrem Sohn einen verführten jugendlichen Schwärmer. Ein "Junge mit fehlgeleitetem Idealismus" ist er auch für den früheren Sonderstaatsanwalt Kenneth Starr, der Ex-Präsident Bill Clinton in der Lewinsky-Affäre verfolgte. Präsidentenvater George Bush senior riet, einen ungewaschenen "Taliban John" als Büßer auf Wanderschaft durch die Vereinigten Staaten zu schicken.

Doch dies war dem Sohn George W. Bush offensichtlich nicht möglich, der vor zehn Tagen die Vorgehensweise absegnete. Walker wusste nach Angaben Ashcrofts von den Terroranschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon sowie von der Urheberschaft Osama bin Ladens. Es sei also klar: "Nicht Terroristen haben John Walker Lindh dazu gezwungen, sich ihnen anzuschließen, John Walker Lindh hat die Terroristen gewählt."

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