Politik : "Aus Gleichaltrigen werden Gleichartige" - Claus Leggewie über Generationen (Interview)

Sie haben vor wenigen Jahren die Generation der "8

Claus Leggewie (50) ist Professor für Politikwissenchaften an der Uni Gießen. Bald erscheint von ihm "Amerikas Welt. Die USA in unseren Köpfen".

Sie haben vor wenigen Jahren die Generation der "89er" entdeckt. Bildet auch die Gruppe der 40-Jährigen eine eigene Generation?

Was die "89er" auszeichnete, war die besondere Zeitgenossenschaft zum Ereignis des Mauerfalls als historischer Zäsur. Ob sich aus dieser Erfahrung eine Generation gebildet hat, werden wir erst in zwei, drei Jahrzehnten wissen können. Heute werden Generationen schneller ausgerufen, als man lesen kann, und den 40-Jährigen ist bereits ein Label angeheftet worden: Generation Berlin. Richtig daran ist, dass der Umzug nach Berlin und die rot-grüne Regierung tatsächlich Neues gebracht haben. Sie sind die älteren Vertreter der "89er", die jetzt in Politik, Wirtschaft und Medien in die Verantwortung und in Führungspositionen eintreten.

Liegt die Gemeinsamkeit in der Art der Kommunikation oder in Sachfragen?

Generation heißt, dass aus Gleichaltrigen Gleichartige werden, was Differenzen von Geschlecht, sozialer Lage, Region und Weltanschauung nicht beseitigt. Mir scheint bei der jüngeren Politikergeneration aber in der Tat eine Konvergenz im Stil der unvoreingenommen, lagerübergreifenden Kommunikation zu bestehen und auch eine Bereitschaft, pragmatisch die von den Vorgängergenerationen aufgetürmten Probleme zu lösen - Stichwort Rentenkompromiss.

Worin unterscheiden sich die 40-jährigen CDU-Aufsteiger am meisten von den Älteren, die noch von der Erfahrung des Krieges und der Nachkriegszeit geprägt waren?

Dadurch, dass sie diese Erfahrungen nicht gemacht haben, sondern in einem System Kohl sozialisiert wurden, das sie selbst nicht gestürzt haben, dessen Implosion sie jetzt aber nutzen können. Der SPD steht das noch bevor. Der schwierigste Fall sind die Grünen. Krieg und Nachkrieg werden sekundär verarbeitet, die NS-Vergangenheit ebenso.

Wird diese Generation andere Antworten geben, um den Sozialstaat umzubauen?

Das ist zu erwarten. Der Problemdruck ist einfach zu groß geworden, um noch die alten Schlachten zu führen, wenn sich die Demographie so katastrophal entwickelt und die Globalisierung der Finanz- und Arbeitsmärkte nach neuen Lösungen ruft. Es geht im Grunde darum, die Autonomie, ja die Würde der Politik wiederzubegründen, da sich mittlerweile alles nach dem Kommando der Wirtschaft und der Medien richtet.

Werden die 40-Jährigen die Parteiapparate und den Politikstil verändern können?

Ich befürchte nein. Wohl dem Politiker, der sich dem Medienzirkus, speziell im Fernsehen entzieht und wieder zu den Sachen spricht, den ironischen Zynismus sein lässt. Die Parteiapparate verändern sich ganz von selbst, weil die Mitglieder wegsterben und jüngere Menschen sich für diesen altbackenen Politikstil kaum noch begeistern lassen. Das Gespräch führte Hans Monath

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