Politik : Aus Mangel an Doktoren

Zehntausende Ärzte stehen vor der Rente. Das neue Landarzt-Gesetz soll künftig die Verteilung der Mediziner regeln.

Für Patienten und Mediziner wird angesichts des drohenden Ärztemangels mit Beginn des neuen Jahres vieles anders. Foto: Armin Weigel/dpa
Für Patienten und Mediziner wird angesichts des drohenden Ärztemangels mit Beginn des neuen Jahres vieles anders. Foto: Armin...Foto: dpa

Berlin - Pünktlich zum Inkrafttreten des Landarzt-Gesetzes zu Neujahr tun sich deutliche Meinungsunterschiede über die Umsetzung der Pläne gegen den Medizinermangel auf. Ab jetzt ringen Ärzte, Krankenkassen und Länder darum, wie die Mediziner in Deutschland künftig verteilt werden sollen. Der Kassen-Branchenführer Barmer GEK warnt bereits vor einem neuen Wasserkopf an Bürokratie. Immer klarer wird: Viele Patienten müssen sich deutlich umgewöhnen.

Was bedeutet der drohende Ärztemangel für die Versicherten? In den nächsten fünf Jahren geht laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) jeder dritte Haus- und Facharzt in den Ruhestand. „In dünn besiedelten Regionen werden wir ganz neue Wege gehen müssen“, sagt der zuständige Vizechef des Verbands der gesetzlichen Kassen, Johann-Magnus von Stackelberg. „Da wird es mehr ärztliche Gemeinschaftspraxen oder auch medizinische Versorgungszentren geben, in denen an einem Tag der Woche der Internist, am nächsten der Orthopäde und an den anderen weitere Fachärzte tätig sind.“ Patienten müssten weiter Hausärzte schnell erreichen können.

Die KBV will sogar, dass eine grundlegend neue Ärzteplanung mehr Allgemeinmediziner festschreibt: Ein Arzt soll nicht mehr wie heute im Schnitt auf 1700, sondern auf nur noch 1500 Einwohner kommen. Die Anfahrt zu spezialisierten Ärzten dürfte laut Kassenverband und KBV dagegen teils deutlich weiter sein. Doch bis zu einem echten Konzept ist es noch ein langer Weg – mit hohem Risiko von Komplikationen.

KBV-Chef Andreas Köhler erwartet nicht vor Ende 2012 eine entsprechende Richtlinie des höchsten Entscheidungsgremiums von Ärzten, Kassen und Kliniken, dem Gemeinsamen Bundesausschuss. „Erst dann können die maßgeblichen Zulassungsausschüsse handeln.“ Hier entscheiden regionale Funktionäre, wo welche Ärzte sitzen sollen. Die Länder haben sich mit dem Gesetz ein Mitspracherecht erkämpft – die Kassen warnen schon vor Zuständen wie bei den Lehrern, die sich die Länder gegenseitig abspenstig machen. Stackelberg, forderte: „Bei der Bedarfsplanung dürfen die Räume nicht zu klein sein, sonst ergibt sich rein rechnerisch immer ein enormer Ärztebedarf.“ Zu Spezialisten seien auch etwas längere Wege zumutbar, sagte er. „Wir müssen aufpassen, dass sich die Länder die Ärzte nicht gegenseitig abwerben.“

Für Ärztefunktionär Köhler ist zentral: Vom Augenarzt über den Internisten bis zum Urologen soll exakt geplant werden, wo wie viele Mediziner arbeiten sollen. „Wir wollen eine Planung für alle 36 Arztgruppen, nicht nur für 14 wie heute.“ Bringt genaue Planung wirklich mehr Mediziner? Köhler meint: „Wir werden das Potenzial möglicher Ärzte deutlich besser abschöpfen können.“

Der Chef der größten deutschen Krankenkasse Barmer GEK, Christoph Straub, hingegen mahnt: „Den angenommenen Ärztemangel durch eine immer verfeinerte Planung zu beseitigen, funktioniert nicht.“ Er warnt: „Das bringt nicht mehr Ärzte aufs Land, sondern nur mehr Ausschüsse und Planer.“ Für Straub stehen andere Umbrüche im Fokus. „Die Zeiten, in denen man Patienten ausschließlich in ein Klinikbett legen musste, um sie zu behandeln, sind vorbei.“ Köhler erwartet Verlagerungen von stationären hin zu ambulanten Behandlungen sogar „in einer gigantischen Dimension“. Bei schwierigen Behandlungen müssen Spezialisten aus Klinik und Arztpraxis im konkreten Fall nach weit verbreiteter Expertenansicht enger zusammenarbeiten. Mit der neuen „spezialärztlichen Versorgung“ soll das neue Arzt-Gesetz den Weg dazu öffnen. Doch Straub bemängelt: „Allerdings wurde sie auf einen kleinen Bereich begrenzt.“ Einer immer engeren Zusammenarbeit von Kliniken und Ärzten steht zumindest bisher der Wettbewerb um lukrative Behandlungsfälle im Weg. dpa

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