• Aus Schaden wird man klug - lange sah es so aus, als ob es die neue Regierung nicht lange machen wird

Politik : Aus Schaden wird man klug - lange sah es so aus, als ob es die neue Regierung nicht lange machen wird

Robert Birnbaum

Liebe Leser des Jahres 2052! Schön, dass Sie diese Ausgabe des Tagesspiegel bei der Renovierung Ihrer Wohnung als schalldämmende Unterlage unter den Dielen gefunden haben. Dürfen wir Sie um etwas bitten? Lachen Sie nicht so laut, wenn Sie weiterlesen. Im Rückblick ist jeder klüger. Woher sollen wir gewusst haben, daß das Jahr 1999 für die erste rot-grüne Bundesregierung Deutschlands ein Lehrjahr war - und nicht der Anfang eines womöglich vorzeitigen Endes?

Es hat ja lange nach dem raschen Aus ausgesehen. "Nachbessern" heißt das Wort des ersten Halbjahres, inhaltlich wie personell. 630-Mark-Gesetz, Scheinselbstständigen-Regelung - nur zwei von vielen forschen Anläufen, die, oft sogar mehrfach nachgebessert, die neue Regierung in den Ruf einer Amateurtruppe bringen. Verschärft noch durch den Eindruck, dass die Herren an der Spitze einander nicht ausstehen können - was Oskar Lafontaine mit seinem Rücktritt und dem schmollenden Abzug ins Privatleben am 11. März eindrucksvoll bestätigt. Der Kanzler aber trägt Kaschmir, ärgert die eigene Partei mit dünnen Theorie-Papieren aus der Feder seines Kurzzeit-Hausmeiers Hombach über eine "Neue Mitte" und brilliert als Stargast in TV-Shows.

Dann geht Hessen verloren. Katastrophe für Rot-Grün! Woher, liebe Leser, hätten wir denn ahnen können, dass die Union später einmal Edmund Stoiber und Roland Koch für ihre famose Kampagne gegen den Doppelpaß in die politische Wüste jagen würde? Mit der nur allzu nachvollziehbaren Begründung: "Ihr habt uns den Eichel auf den Hals geschickt!", Hans Eichel, Sie erinnern sich - der "Eiserne Hans", wie er ab 2002 hieß, nachdem er Rudolf Scharpings alte Panzerarmee als Altmetall verkauft hatte, um den Sparplan einzuhalten.

Dann kam der Kosovo-Krieg. Hineingestolpert sind sie, Gerhard Schröder und seine Kriegsminister Joschka Fischer und Rudolf Scharping. Der Kriegseinsatz hat die Grünen fast zerrissen und dem Kanzler fast einen Rivalen erwachsen lassen - aber er hat der neuen Regierung zum ersten Mal gute Noten beim Publikum eingetragen. Denn das damals noch Bonner Kriegskabinett hat den Frieden nicht gemacht, doch tatkräftig befördert.

Könnt Ihr Euch, liebe Leser des nächsten Jahrtausends, unsere Verblüffung vorstellen, als die so hoch gelobte Regierung nach dem Friedensschluss genau so weiter stümperte wie vorher? Nix gelernt, war unsere Reaktion - Peter Struck, damals SPD-Fraktionschef, inszenierte ein Sommertheater erster Güte mit dem Ruf nach einer "richtigen" Steuerreform. Hat der Prügel bezogen! Hat ja nicht wissen können, dass Eichel im Verein mit dem Kanzler am Jahresende eben eine solche Steuerreform verkünden würde.

Es ist dann noch vieles schief gelaufen. Ein Streit um eine Panzerlieferung an die Türkei hat die Koalition an den Rand des Bruchs geführt. Überhaupt hat die grüne Seele viel leiden müssen in jenem Jahr: der Krieg, der ständige Ärger ums Atom und immer wieder Krach um die Ökosteuer - zuletzt noch unter Beschuss genommen von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Clement.

Und doch haben wir, liebe Nachgeborene, zum Jahresende 1999 das Gefühl gehabt, dass auch diese Regierung allmählich ihr Handwerk lernt. Sicher, viel Glück kam dazu - Schröder konnte als Holzmann-Retter glänzen, die CDU versank tief im Spenden-Sumpf. Doch zugleich ließ das Stimmengewirr nach, in dem sich die oppositionsgewohnten Roten und Grünen lange gefallen hatten. Vielleicht haben wir das auch einfach überbewertet; wir, die wir Helmut Kohls eingeübte Langzeitregierung erlebt hatten. Und die wir vor lauter Staunen über die krasse Ungeschicklichkeit der Neuen schnell vergessen hatten, wie wenig rund auch die altgewohnte Maschinerie zuletzt gelaufen war.

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