Auschwitz : Was vom Entsetzen bleibt

Sie arbeitet als Konservatorin im ehemaligen KZ Auschwitz, pflegt die Hinterlassenschaft der Ermordeten: Schuhe, Koffer, Kleidung, Briefe. Nel Jastrzebiowka mag ihren Job, aber sie sagt: „Wenn ich zu viel nachdenken würde, könnte ich ihn nicht machen.“

Agnieszka Hreczuk[Auschwitz]
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Geraubtes Symbol. Das Schild „Arbeit macht frei“, zerteilt in drei Stücke. Foto: dpaPAP

Sie hat zu den 80 000 Schuhen hier durchaus Meinungen. Der Schlangenlederstiefel: ein Hammer. Die schwarzen Pumps mit den runden Knöpfen auf der Seite: sehr elegant. Der rot-schwarze Hausschuh mit einem riesigen Pompon: perfekt für einen Stubenhocker. „Jeder Schuh ist einzigartig“, sagt Nel Jastrzebiowska. 80 000 Kombinationen aus Form, Stoff, Farbe und Abnutzung. 80 000 Erinnerungen an Menschen, zu denen sie mal gehörten. An 80 000 von den mehr als eine Million Menschen, die Auschwitz nicht überlebten.

Die Arbeit hat im Leben von Nel Jastrzebiowska einen festen Platz: acht Stunden, von Montag bis Freitag. Davor und danach ist sie Mutter, Ehefrau, Freundin oder Kegelspielerin. Über ihre Arbeit erzählt sie ungern. Es ist nicht so, dass sie ihren Job nicht mag. Aber er eignet sich nicht für Gespräche.

Nel Jastrzebiowska arbeitet als Konservatorin im ehemaligen KZ. Sie sind zu elft in der Abteilung, alle unter 35 Jahre, sie kamen nach dem Studium, 2003, als die Abteilung gegründet wurde. Davor wurden nur die Gebäude restauriert, die Exponate schickte man zum Konservieren nach außen. Die meisten Mitarbeiter kommen nicht aus der Gegend – und haben lange überlegt, ob dies der richtige Ort für sie ist.

1940 haben die Deutschen bei Oswiecim, einer 50 Kilometer von Krakau entfernten Stadt, das Konzentrationslager errichtet. Zuerst wurden dort Polen und sowjetische Kriegsgefangene untergebracht, dann wurde es um Birkenau erweitert und bis zur Befreiung am 27. Januar 1945 zur größten Gaskammer Europas.

Nel Jastrzebiowskas Mutter war schockiert, als sie von den Berufsplänen ihrer Tochter hörte: „Sie meinte, ich werde das mit meiner Gesundheit büßen.“ Oft würden die Konservatoren gefragt, wie man an einem solch schrecklichen Ort arbeiten kann. „Eine Journalistin, die mal im Museum gedreht hat, war schockiert, dass wir hier in der Frühstückspause essen!“ Das sei unfair, denn mit ihrer Arbeit zeigten die Konservatoren Mitleid und Respekt gegenüber den Opfern. Vielleicht sogar mehr als mancher Besucher.

Täglich um 7 Uhr früh kommt Nel Jastrzebiowska also nach Auschwitz. Falsch. „Zum Museum Auschwitz oder zum ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz“, sagt sie. Die Mitarbeiter legen auf den richtigen Namen großen Wert. „Ich wohne in Oswiecim und arbeite im Museum, im ehemaligen KZ Auschwitz“, so stimmt es.

Auf dem Weg zum Labor geht sie am Tor mit dem Schild „Arbeit macht frei“ vorbei. Es ist zurzeit nur eine Attrappe, das echte Schild liegt im Labor. Der Schriftzug wurde im Dezember gestohlen, angeblich im Auftrag von Neonazis aus dem Ausland, dann wurde es wiedergefunden, zerschnitten in drei Teile.

Das rote Ziegelhaus, in dem die Konservatoren arbeiten, liegt etwas abseits von der Besichtigungsroute für Touristen. Die dichte Metalltür schließt mit einem lauten Knall. Die Räume wirken steril und kalt, wie in einem Krankenhaus: Halogenlampen, weiße Keramikfliesen an der Wand, Mikroskope. Beißend der Geruch von Chemikalien. Hinten steht ein riesiger Tisch, bedeckt mit einem weißen Tuch. Daran sitzen junge Leute in weißen Kitteln. Einige tragen Gummihandschuhe. Nur der Stacheldraht, den man durch das Fenster sehen kann, verrät die Wahrheit über den Ort.

Nel Jastrzebiowska hält einen braunen Schuh in der Hand. Mit einem kleinen Pinsel entfernt sie den Staub vom Leder. Braune Strähnen fallen ihr ins Gesicht, wenn sie ihren Kopf beugt.

Am Anfang werden die Schuhe entstaubt. Zuerst oberflächlich, mit einem Pinsel, danach gründlicher mit einem speziellen Staubsauger. Dann wird der Stoff vorsichtig mit nassen Wattetupfern gewaschen. In der letzten Phase wird das eingefeuchtete Leder mit einer Art Paste aus Benzin, Lanolin und Klauenöl eingefettet, „Leder absorbiert Fett besser, wenn es feucht ist“, erklärt die Konservatorin. Es sei nicht einfach, mit solchen Gegenständen zu arbeiten. „Wer seine Emotionen nicht unterdrücken kann, wird bald verrückt.“

Solche Gegenstände. Gegenstände, die nach der Befreiung gefunden wurden, in einem Lagerhaus, auf einem riesigen Haufen. 80 000 Schuhe, 3800 Koffer, 12 000 Kochtöpfe, 460 Prothesen, 570 Lageranzüge, Kinder-, Damen- und Herrenkleidung, zwei Tonnen Haare, Brillen.

Die Konservatoren finden in jedem Gegenstand Informationen. Woher die Besitzer kamen, ob sie krank oder gesund waren, reich oder arm. Wohlhabende konnten sich Lederkoffer leisten, die Armen hatten Stoffkoffer oder nur Pappkartons. Die schick bestickten Blusen gab es nur in Ungarn, und die schief gelaufenen Absätze von Schuhen zeigen, dass eine ganze Menge Menschen orthopädische Probleme hatten. In manchen dicken Schuhsohlen fanden sich Geldscheine, Währungen aus ganz Europa, Fragmente von Briefen, eine Postkarte aus dem ungarischen Dorf Nagyvarad. „Wir wussten überhaupt nicht, dass ein Transport aus diesem Ort nach Auschwitz kam“, sagt Nel Jastrzebiowska. Die Menschen seien wohl direkt in die Gaskammer geschickt und gar nicht auf der Gefangenenliste vermerkt worden. In Ungarn wusste niemand, wohin die Leute kamen. „Jetzt könnte ihre Geschichte zu Ende geschrieben werden.“ Das macht sie stolz.

Die Gegenstände sind mit Menschen verbunden. Je enger ein Verhältnis zwischen Mensch und Gegenstand war, desto schwieriger ist es, emotionalen Abstand zu wahren. Mit so einem Koffer ist es ganz unproblematisch. Der wird nur kurz in der Hand gehalten. Oder die Dokumente. Nur Papier ist das, indifferent und unpersönlich. Sie konserviert es gern. „Pilz entfernen, das Papier säubern, glätten, verstärken und die Schäden mit einer Papiermasse ergänzen.“ Fertig. Vorsichtshalber lernt sie kein Deutsch, „damit ich nicht verstehen kann, was in den Dokumenten steht“.

Unproblematisch sind auch: Kartoffelschäler, Schlüssel und Besteck. Metallteile mit einer bestimmten Gestalt, meist vom Rost angefressen. Die Herausforderung hier ist, den Gegenständen ihr vorheriges Aussehen wiederzuschenken.

Sogar das Schild „Arbeit macht frei“ war ein neutraler Gegenstand, als es 2005 erstmals konserviert wurde. „Nur technisch kompliziert“, sagt die Konservatorin. Jetzt ist es wieder bei ihnen. Und auf einmal mit emotionalem Inhalt. Denn als es weg war, „hatten wir plötzlich ein Gefühl, dass unsere Arbeit an Sinn verloren hat, weil ihr wichtigstes Symbol fort war“.

Es gibt bei Metall zwei Ausnahmen: die Rasierapparate, mit denen die Köpfe der Häftlinge geschoren wurden, und die Blechdosen, früher mit Zyklon B gefüllt, dem Gift, mit dem Menschen in Auschwitz umgebracht worden sind. Die Dosen sind ein Albtraum für Konservatoren, weil man den Rost erst bekämpfen kann, wenn die Etiketten weg sind. Die Etiketten aber, mit dem Totenkopf darauf, sind historisch wertvoll, sie dürfen nicht abgenommen werden. Die Apparate und Dosen mit Etiketten sind unpersönlich, aber ihre Bestimmung ist so unmenschlich, dass ihre Präsenz bedrückt.

In einem weiteren Raum lagern zwei Tonnen Haare. Der Geruch dort ist so schwer, dass manchmal Leute in Ohnmacht fallen. Die Haare sind die einzigen Exponate, die nicht mehr konserviert werden. Wegen der Menschenwürde. Denn wenn man es sich genau überlegt, sind die Haare die Körperteile der nach Auschwitz verschleppten Menschen. Nirgendwo wurde eine Hand oder ein Kopf konserviert. Warum dann die Haare? Außerdem unterliegen die Haare einem natürlichen Zerfall, sie müssten in Zukunft teilweise mit Kunsthaaren ergänzt werden. Es hat auch mal jemand vorgeschlagen, die Haare zu begraben. Aber es wurden die Haare aller Insassen rasiert und nicht nur derjenigen, die ermordet wurden. Was also, wenn man die Haare von einem beerdigt, der noch lebt? Also sollen die Haare, so entschied der Stiftungsrat, liegen bleiben, bis sie von allein zerfallen.

In der Ausstellung liegt eine Brille, sie hat einen Blutfleck auf einem Glas. Der Besitzer blutete also, kurz bevor er seine Brille verlor. Ist er ausgerutscht und hat sich dabei verletzt, oder wurde er beim Aussteigen aus dem Zug von den SS-Leuten zusammengeschlagen? Und der zerrissene kleine Pulli – ist er kaputtgegangen, als das Kind mit Gewalt aus den Händen der Mutter gerissen wurde?

„Wir dürfen die Sachen konservieren, aber nicht verändern“, erklärt Nel Jastrzebiowska. „Sie sollen möglichst in einem solchen Zustand sein wie damals, als sie ihren Besitzern weggenommen wurden.“ Deshalb bleiben die Schlammflecken auf einem Koffer, der wohl auf den matschigen Boden bei der Rampe geworfen wurde. Deshalb bleiben die Blutflecken auf Brillen und Löcher in der Kleidung.

Einer der ersten Aufträge der Konservatorin war ein Kinderkleid. Dunkelblau mit Stickereien. Farbige Blümchen, Blättchen, alles ganz fröhlich. Vorne entdeckte sie einen Fleck. Sie kannte so etwas. Solche Flecken fand sie ständig auf der Bekleidung ihrer damals zweijährigen Tochter. So bekam plötzlich das Kind hinter dem Kleid das Gesicht ihres Kindes.

Ein Konservator in Auschwitz darf nicht zu viel nachdenken. Diese Lektion hat sie damals gelernt. Sie versucht sich jetzt ausschließlich auf die technischen Fragen zu konzentrieren. „Ich bin hier, um ein Kleid oder einen Schuh zu konservieren, wenn ich zu viel darüber nachdenke, kann ich meinen Job nicht machen“, sagt sie. Das habe man ihr an der Universität nicht erzählt. Man lernt dort etwas über Farben, Strukturen, Materialien, aber niemand sagt, wie man mit den Gegenständen umgehen soll, die immer noch nach Menschen riechen. Nach ihrem Blut, ihrem Schweiß und ihrer Angst.

Das Ausmaß der Sammlung der Fundsachen von Auschwitz ist für Besucher oft ein Schock. Und auch für die Konservatoren stellt es eine Herausforderung dar. Während ihre Kollegen in den Museen des Landes mehrere Monate Zeit haben, um ein Buch zu konservieren, müssen sie in Auschwitz im Akkord arbeiten: „Wir müssen in vergleichbarer Zeit tausende Seiten von Dokumenten konservieren. Nicht ein Kleid, sondern tausende. Tausende von Schlüsseln anstatt einer Vase.“

Die Konservatoren aus dem Museum Auschwitz haben einen guten Ruf. Und sie haben weltweit kaum Konkurrenz. Einmal meldete sich bei ihnen eine Konservatorin aus Ruanda. Sie wollte sich beraten lassen, wie man Dokumente und Gegenstände pflegt, die aus Massengräbern geholt wurden. Niemand sonst könne ihr darüber Auskunft geben.

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