Politik : Ausgebrannte Wracks, Kleider, Kinderschuhe

CAROLINE FETSCHER

TIRANA .Wie Schubladen einer Kommode läßt Slobodan Milosevic die Dörfer im Kosovo räumen.Die 4265 Einwohner des Dorfes Dobrevo - auf albanisch heißt es Miradia e Vogl -, die am Wochenende erschöpft am Schlagbaum der albanischen Grenze bei Kukes angelangt sind, hatten Zeit, sich auf ihre erzwungene Reise vorzubereiten."Seit einer Woche haben wir in Kleidern geschlafen", berichtet der Bauer Rustem Dragusha, der seine Familie um Mitternacht auf dem dem Anhänger des Traktors herüberfährt.Hinter ihm warten etwa hundert weitere Vehikel, vor ihm ist seit acht Uhr abends schon eine lange Kolonne eingereist.Rustem Dragusha klettert vom Traktor herab auf den von Scheinwerfern und schwachem Flutlicht ausgeleuchteten Asphalt des Grenzübergangs."Sehen Sie", knüpft er sein verschwitztes Flanellhemd auf: "Eine Schußwunde." Auf Brust und Schulter trägt der Bauer einen blutigen Verband.Dragusha war, sagt er, zu Hause, als serbische Milizionäre vorige Woche nachts im Dorf herumschossen und laut brüllten, alle müßten den Ort verlassen.Ihn hat eine Kugel durchs Fenster getroffen.

Wann die Vertreibung losgehen sollte, erfuhr weder die neunköpfige Familie Dragushas, noch irgendjemand sonst in Miradia e Vogl.Wer aber konnte, besorgte sich sofort Plastikplanen und Decken, und baute auf sein Gefährt eine Koje.Auch kleine Öfen, Kinderwiegen und Teppiche haben sie mit Seilen auf Karren und Anhängern befestigt.Unter grobgezimmerten Holzgestellen, von Planen überdacht, finden bis zu 15 Menschen Platz.In einem VW-Golf reisen sieben bis acht Familienmitglieder.

In den Tagen vor der Vertreibung wurden sie von jeglicher Kommunikation abgeschnitten, fernsehen konnten sie nicht mehr, die Telefonleitungen waren unterbrochen, Zeitungen gab es nicht zu kaufen.Systematisch griff der Psychoterror, sagen sie, zermürbte sie.Bis zum Tag, an dem sie abgeholt wurden, waren sie bereit, den Serben und ihren Waffen zu gehorchen.Nur wenige empfingen über Radio Nachrichten von der Außenwelt."BBC hörten wir sehr schlecht", sagt Shaban Azizi."Deutsche Welle etwas besser."

Zermürbend war auch, was die Verjagten auf ihrer zwölfstündigen Fahrt rechts und links des Weges sahen.Der 34jährige Vaik Salihu berichtet: "Von Pkizren bis kurz vor der Grenze liegen überall ausgebrannte und demolierte Wracks von Wagen, Traktoren und Karren.Am Wegrand und auf der Straße ist alles übersät mit Kleidern, Kinderschuhen, Essen, das weggeworfen wurde, aufgeschlitzte Müllsäcke, kaputte Wasserflaschen, regennasse Matratzen." Auch serbisches Militär war, sagen sie, hier und dort in der Entfernung zu sehen, getarnte Panzer, schwere Geschütze." Ausbrechen aus dem Konvoi war unmöglich.

Von den Menschen, die mit dem Konvoi gekommen waren, der am Mittwochabend verschwand, wissen die Einwohner von Miradia e Vogl nichts.Mit ihren bewaffneten serbischen Begleitern - die auch die Ankunft an der Grenze hier oben in den Bergen aus Verstecken beobachten, haben sie nur wenige Worte gewechselt, dann, wenn der Konvoi zum Essen und zur Pause für die Notdurft kurz angehalten wurde.

Nur wenige der Wagen, es sind die hölzernen Karren der Allerärmsten, haben keine Plane.Auf diesen Wagen hocken die Flüchtlinge ungeschützt.Ohne Mützen und mit hastig zusammengehängten Ballen von Decken."Sie wollten nicht wahrhaben, was die Serben mit uns vorhatten", sagt ein Nachbar."Sie haben sich nicht vorbereitet, arme Teufel."

Doch die Bemühung des Regimes Milosevic, die Vertreibung "human" aussehen zu lassen, ist deutlich.Von Schlägen oder Schikanen, von Gewalt gegen Frauen erzählen diese Flüchtlinge nichts."Wir haben zwar kein Mitleid bei den Serben gemerkt", sagt Vaik Salihu, "aber sie waren unterwegs nicht gewalttätig."

Langsam rollt der Zug voran, die Nacht wird kälter.Als um zwei Uhr morgens der letzte Traktor unter dem rostroten Schlagbaum vorbei am Mast mit der albanischen Fahne angekommen ist, haben albanische Zollbeamte sogar alle Wagen registriert, mit klammen Fingern in ein schweres Buch mit Eselsohren eingetragen.Drüben warten die Hilfsorganisationen mit Decken und Getränken.Und drüben wartet auch die UCK auf die jungen Männer, die sie sofort rekrutieren will.Auch die serbische Armee, berichten manche, habe Versuche unternommen, Kosovaren zu rekrutieren - wohl um einen Vorwand zu haben, die unwilligen Nichtpatrioten "abzuschieben".

Inzwischen glaubt jeder zu wissen, daß die NATO dabei ist, hier und in Mazedonien die Kosovo-Befreiungsarmee UCK "informell" zu bewaffnen.Morgens um drei, als die Serben die Grenze wieder geschlossen haben, trudelt bereits ein Dutzend frisch rekrutierter Flüchtlinge in Kukes ein.Ob es der Plan der NATO ist, fragen sich hier viele, statt eigener Bodentruppen, die 20 000 Jungen von der UCK in den Kampf zu schicken? Es wäre ein Desaster, sagen sie, die Jungs würden verheizt.

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