Politik : Ausgeschert

Gabriele Renz

Im Büro von Christa Lörcher war man in de vergangenen Tagen reichlich gestresst. Die Bundestagsabgeordnete aus Villingen-Schwenningen hatte angekündigt, beim Nein zum Bundeswehreinsatz und damit beim Nein zum Kanzler zu bleiben. Die Telefone liefen heiß. Binnen weniger Tage erlangte die SPD-Politikerin aus dem Südbadischen bundesweite Prominenz - wegen ihres Gewissens. "Meine Entscheidung war von vornherein klar und steht schon seit zwei Monaten", beschied Lörcher jede neue Anfrage, wie sie es denn halten werde.

Zum Thema Online Spezial: Terror und die Folgen
Schwerpunkt: Deutschland und der Krieg
Fotostrecke: Krieg in Afghanistan
Schon vor Tagen hatte sie den Zwang beklagt, "für den Bundeswehreinsatz in Afghanistan zu stimmen". Die Sonderbehandlung durch Fraktionschef Peter Struck zeigte nachhaltige Wirkung. Im negativen Sinne. Christa Lörcher blieb beim Nein. Vor der Abstimmung trat sie aus der SPD-Fraktion aus.

Die Partei, vor allem deren Südwest-Gliederung, versuchte vergeblich, die 60-jährige Unterrichtsschwester vorher noch umzustimmen. "Alle haben mit ihr das Gespräch gesucht", sagte die baden-württembergische SPD-Landesvorsitzende Ute Vogt dieser Zeitung. Doch selbst das Angebot, mit dem Kanzler zu reden, schlug Lörcher aus. "Bedauerlich", sagte Vogt. Nur mühsam konnte sie ihren Ärger über die Kollegin verbal beherrschen. Am Mittwochmorgen, acht Uhr, war eine Sondersitzung der baden-württembergischen Landesgruppe anberaumt worden. Vogt hatte zuvor das Plazet ihres Parteipräsidiums eingeholt und forderte Christa Lörcher zur Aufgabe des Mandats auf. Die baden-württembergische Parteispitze begründet den finalen Versuch einer Einflussnahme damit, dass Lörcher schließlich über die SPD-Landesliste in den Bundestag gekommen sei. Nun wurde daraus das Recht abgeleitet, die Missliebige zu exkommunizieren. Doch Lörcher blieb hart. Sie will das Mandat als Parteilose behalten und ihre "Arbeit im Bundestag und im Wahlkreis zu Ende bringen".

Das freilich dürfte schwer fallen. Die Reihen sind geschlossen - gegen sie. Denn aller Druck auf die Pfarrerstochter blieb wirkungslos, beförderte eher autistische Tendenzen und den Willen zur Standhaftigkeit. Argumente kämen "an Christa Lörcher nicht ran". Deren Entschluss, Nein zu Militäreinsätzen zu sagen, sei eben "für ihr ganzes Leben festgelegt", resignierte Vogt letztlich.

Tatsächlich blieb Christa Lörcher, bei der letzten Bundestagswahl auf dem mittleren Listenplatz 22 abgesichert, stets konsequent: Ob Bosnien-, Kosovo- oder Mazedonien-Einsatz - Lörcher stimmte dagegen. Die Abgeordnete, die 2002 nicht mehr kandidiert, hatte in ihrem Leben viele Brüche zu verkraften. 1941 in Westpreußen geboren, kam sie 1949 nach Baden-Württemberg, heiratete, studierte Mathematik und Physik und unterrichtete an Realschulen. Zwei Kinder starben, und Lörcher besann sich neu. Sie schulte um auf Altenpflege und trat 1970 der SPD bei. Frieden und Abrüstung, Arbeit, Umwelt und Frauen - das sind ihre Themen. Als mögliche Nachrückerin für sie gilt Helga Zimmermann-Fütterer aus dem schwäbischen Balingen. "Ich hätte nicht den Mut, dass an meiner Stimme die Regierung scheitert", sagt sie. Mit ihr hätte der Kanzler rechnen können.

0 Kommentare

Neuester Kommentar