Politik : Ausgezeichnet

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Was ein besserer Mensch und was ein schlechterer – schwer zu sagen heutigentags. Früher war jedenfalls dies besser, weil einfacher. Ein besserer Herr war einer mit Manieren und dem zu ihrer Ausübung notwendigen Bargeld auf dem Konto. Deswegen galt er als gute Partie, eine Formulierung allerdings, der der Verdacht förmlich anzuhören ist, dass er als Mensch und Mann wohl eher ein schlechter Fang sei. Das direkte weibliche Pendant gab es nicht, nur die Dame aus besseren Kreisen sowie anschließend als bessere Hälfte, ein Aggregatzustand zwischen Küchenschürze und orangerotem Fleck rechts vorne auf den Urlaubsdias aus der Toskana mit Meiers 1973. Simpel auch die Lage im Politischen. Ein Boss trug Melone, Bauch und Zigarre, was ihn als Ausbeuter auswies (jedenfalls für aufrechte Sozialdemokraten), ein Prolet trug verwegene Mütze, Bart und schlechte Zähne, was ihn als Agenten Moskaus auswies (jedenfalls für aufrechte Bürgerliche). Außerdem war der Prolet in der gesetzlichen Krankenkasse versichert, der Boss aber privat. Die Privaten waren im Krankenhaus eindeutig etwas Besseres: Chefarzt, Einzelzimmer, individuelle Betreuung („Wünschen Herr Geheimrat die Spritze heute in die rechte oder die linke Pobacke?“) statt Massenabfertigung („Der Nächste!“). Aber sind Privatpatienten bessere Menschen? Franz Müntefering zum Beispiel ist seit 50 Jahren in der gesetzlichen Krankenversicherung. Der Franz zahlt also soli-proli seine zehn Euro Praxisgebühr, und das, obwohl er ökonomisch gewiss ein besserer Herr ist. Für solche Treue hat ihm die DAK Berlin eine Urkunde verliehen. Vielleicht wird er damit ja besser behandelt, im Krankenhaus und so.

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