Aussage im NSU-Prozess : Beate Zschäpe weist Mundlos und Böhnhardt die Schuld zu

Sie habe an keinem Mord, keinem Sprengstoffanschlag und keinem Raubüberfall mitgewirkt, sagt die Hauptangeklagten Beate Zschäpe im NSU-Prozess. Angehörige und Anwälte der Opfer glauben ihr nicht.

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Die Angeklagte Beate Zschäpe begrüßt ihren Anwalt Anwalt Mathias Grasel im Gerichtssaal im Oberlandesgericht in München.
Die Angeklagte Beate Zschäpe begrüßt ihren Anwalt Anwalt Mathias Grasel im Gerichtssaal im Oberlandesgericht in München.Foto: dpa

Im NSU-Prozess hat die Hauptangeklagte Beate Zschäpe alle Verbrechen der Terrorzelle NSU eingestanden, will aber an keiner Tat beteiligt gewesen sein. Sie habe an keinem Mord, an keinem Sprengstoffanschlag und an keinem Raubüberfall mitgewirkt und sie habe nie den Tod eines Menschen gewollt - so lässt sich die Einlassung Zschäpes zusammenfassen, die ihr Verteidiger Mathias Grasel am Mittwoch im Oberlandesgericht München verlesen hat.

"Ich fühle mich moralisch schuldig, dass ich zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte", trug Grasel aus der letzten Seite der insgesamt 53 Blatt umfassenden Aussage vor. Zschäpe entschuldigte sich "aufrichtig bei allen Opfern und Angehörigen der Opfer für die von Mundlos und Böhnhardt begangenen Taten".

Die Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt hatten von 2000 bis 2007 neun Migranten türkischer und griechischer Herkunft erschossen. Außerdem explodierten im Januar 2001 und im Juni 2004 Sprengsätze in Köln. Mehr als 20 Menschen wurden verletzt. Mundlos und Böhnhardt überfielen zudem 14 Bankinstitute und einen Supermarkt. Bei den meist in Sachsen begangenen Raubtaten erbeuteten die Neonazis mehr als 600.000 Euro.

In der Einlassung beteuert Zschäpe, sie habe bei keinem dieser Verbrechen an "Vorbereitung und Durchführung" mitgewirkt. Als sie von den Morden erfuhr, will sie heftig protestiert haben. Einmal sei sie sogar "ausgeflippt" und handgreiflich gegen Mundlos und Böhnhardt geworden. Die beiden hätten sich aber nicht stoppen lassen und ausländerfeindliche Motive als Grund für die meisten Morde genannt. Mundlos und Böhnhardt hätten zudem mehrmals gesagt, sie hätten ihr Leben sowieso "verkackt".

Laut Zschäpe hätten Mundlos und Böhnhardt am 25. April 2007 in Heilbronn die Polizistin Michèle Kiesewetter getötet und deren Kollegen Martin A. schwer verletzt, um an die Dienstpistolen heranzukommen – weil die anderen Waffen der beiden Männer oft "eine Ladehemmung hatten".

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Zschäpe bestreitet NSU-Mitgliedschaft
Zschäpe bestreitet NSU-Mitgliedschaft

Aus Angst, die einzigen Menschen zu verlieren, die sie „lieb hatte“, und in der Sorge, selbst eine lange Haftstrafe zu riskieren, sei sie bei Mundlos und Böhnhardt geblieben, gab Zschäpe an. Sie habe auch versprechen müssen, die gemeinsame Wohnung in Zwickau anzuzünden und die DVDs mit dem Paulchen-Panther-Video zu verschicken, sollten die beiden Männer, wie von ihnen geplant, ihrem Leben ein Ende setzen, falls die Polizei sie aufspürt. In dem Film bekennt sich der NSU zu den Morden und Bombenanschlägen. Zschäpe will das Video erstmals im Prozess gesehen haben.

Zschäpe gab zu, am 4. November 2011 die Wohnung in Zwickau in Brand gesteckt zu haben, mit zehn Litern Benzin. Drei Stunden zuvor hatten sich Mundlos und Böhnhardt in einem Wohnmobil in Eisenach erschossen, als die Polizei sie nach einem Bankraub entdeckte. Die Angeklagte widerspricht aber dem Vorwurf der Bundesanwaltschaft, den Tod einer gebrechlichen Nachbarin und zweier Handwerker im Haus in Kauf genommen zu haben. Zschäpe betont, sie habe bei der alten Frau mehrmals geklingelt, diese habe aber nicht geöffnet. Und sie habe sich versichert, dass die Handwerker nicht, wie sonst üblich, im Dachgeschoss arbeiteten.

Die Nachbarin war jedoch in der Wohnung und wurde von Verwandten aus dem brennenden Haus gerettet. Die Handwerker hingegen machten Mittagspause in einer Bäckerei gegenüber. Dennoch spricht die Bundesanwaltschaft von versuchtem Mord in drei Fällen.

Beate Zschäpe wirkt bei der Verlesung ihrer Aussage entspannt

Der Verlesung durch Anwalt Grasel folgte Zschäpe erst mit verschränkten Armen, dann lehnte sie sich im Stuhl zurück. Die Frau wirkte entspannt. Neben ihr saß auch der neue Verteidiger Hermann Borchert, ein Kanzleikollege von Grasel. Am Ende der Einlassung sagt Zschäpe, sie werde nur Fragen des Strafsenats beantworten, nicht aber der Bundesanwaltschaft, der Nebenkläger und des psychiatrischen Sachverständigen, der sie im Prozess beobachten soll. Auf Fragen der Verteidiger der vier Mitangeklagten will Zschäpe eingehen. Allerdings nur schriftlich. Das ist auch, wie Grasel am Dienstag schon mitgeteilt hatte, bei den Fragen der Richter vorgesehen.

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Zschäpe entschuldigt sich bei NSU-Opfern
Zschäpe entschuldigt sich bei NSU-Opfern

Die Tochter des im April 2006 in Dortmund erschossenen Mehmet Kubasik nahm die Entschuldigung Zschäpes nicht an. Gamze Kubasik erklärte: "Die angebliche 'Entschuldigung' für die Taten von Mundlos und Böhnhardt nehme ich nicht an: Sie ist eine Frechheit, vor allem, wenn sie dann noch verbunden wird mit der Ansage, keine unserer Fragen zu beantworten." Die Aussagen Zschäpes hätten sie empört. "Mit ihrer Erklärung versucht Frau Zschäpe, sich aus der Verantwortung zu ziehen", erklärte Gamze Kubasik. "Dieser Aussage glaube ich kein Wort. Meine von vornherein geringen Hoffnungen, dass mit dieser Erklärung endlich die genauen Umstände des Mordes an meinem Vater aufgeklärt werden, sind enttäuscht." Frau Zschäpe hätte vieles beantworten können, sie habe jedoch nur versucht, ihre Rolle herunterzuspielen. Gamze Kubasik sagte: "Für mich ist das reine Taktik und wirkt total konstruiert."

Opferanwälte bezichtigen Beate Zschäpe, die Unwahrheit zu sagen

Zwei NSU-Opferanwälte bezichtigten Beate Zschäpe zudem, gelogen zu haben. Rechtsanwalt Sebastian Scharmer erklärte: "Die Erklärung hält einer gründlichen Überprüfung nicht stand. Zschäpe als Ahnungslose, den beiden Mittätern unterlegene Frau, die von den Taten jeweils vorher nichts wusste - das glaubt ihr niemand, der die Verhandlung von Anfang an besucht hat." Er bezeichnete die Aussage als konstruiert und widersprüchlich. "Zschäpe wird sie nicht vor einer Verurteilung retten. Den Nebenklägern nützt sie nichts." Der Rechtsanwalt Peer Stolle war der Meinung, die Aussage könne wie ein unfreiwilliges Schuldeingeständnis gewertet werden. "Das, was sie sagt, ist so konstruiert und lebensfremd, dass jedem klar geworden ist, dass sie die Unwahrheit sagt und was zu verschleiern hat."

Ein Interview mit der Tochter eines NSU-Opfers zu ihren (geringen) Erwartungen an die Aussage Zschäpes können Sie hier lesen.

Eine Chronik des NSU-Prozesses finden Sie hier.

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