Politik : Ausschuss rügt Behörden im Fall Kevin

Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Ziehvater

Eckhard Stengel

Bremen - „Kevin könnte heute noch leben, wenn man gehandelt hätte.“ Mit diesen Worten stellte der Vorsitzende des Kevin-Untersuchungsausschusses der Bremischen Bürgerschaft, Helmut Pflugradt (CDU), am Freitag den Abschlussbericht des Gremiums vor. Darin stellen die Politiker einstimmig fest, Kevins Tod sei „in hohem Maße auf individuelles Fehlverhalten mehrerer beteiligter Personen zurückzuführen“. Aber auch „strukturelle Mängel“ hätten zum Versagen der Jugendhilfe beigetragen.

Wie berichtet, stand Kevin seit dem Tod seiner Mutter im Herbst 2005 unter Vormundschaft des städtischen Jugendamtes, durfte aber weiter beim drogensüchtigen und als gewalttätig bekannten Ziehvater leben. Bereits im September 2004 war das acht Monate alte Kind mit Knochenbrüchen in eine Klinik eingewiesen worden. Auch später gab es mehrfach Hinweise auf Misshandlungen. Dennoch versuchte die Behörde erst im Oktober 2006, Kevin in eine Pflegefamilie zu bringen, fand aber nur noch seine Leiche im Kühlschrank des Ziehvaters. Sozialsenatorin Karin Röpke (SPD) trat daraufhin sofort zurück.

Fast zeitgleich zur Vorlage des Untersuchungsberichts hat die Bremer Staatsanwaltschaft den 42-jährigen Ziehvater wegen Mordes, Körperverletzung und Misshandlung Schutzbefohlener angeklagt. Rechtsmediziner hatten an Kevins Leiche 24 Brüche an Armen, Beinen, Rippen und Schädel festgestellt. Das Kind habe „unheimliche Qualen erlitten“, sagte der Ausschussvorsitzende Pflugradt und kämpfte dabei mit den Tränen.

Laut Untersuchungsbericht lagen dem zuständigen Fallmanager des Jugendamts zwar diverse Informationen vor, „aus denen sich die Dramatik der Situation deutlich erkennen ließ“. Er habe dem überforderten Ziehvater zwar Hilfsangebote gemacht. Sie seien aber ungeeignet und laut Pflugradt „in fataler Weise erfolglos“ gewesen. Die Vorgesetzten, so der Bericht weiter, hätten die (schlecht geführte) Akte nicht gelesen und sich weitgehend auf den Fallmanager verlassen, statt ihn zu kontrollieren. Auch Kevins Amtsvormund habe „die Gefährdung des Kindeswohles nie zutreffend eingeschätzt“. Hilfen für Kevin scheiterten laut Bericht nicht an Geldmangel, doch habe wegen zu geringer Haushaltsansätze ein Spardruck in der Behörde geherrscht und das interne Klima stark beeinflusst. Wegen Personalmangels könnten die überforderten Fallmanager nicht sorgfältig genug arbeiten und auch die Amtsvormünder seien überlastet gewesen.

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