Politik : Außer Ärger nichts gewesen

Susanne Güsten[Istanbul]

Selten war die politische Ausbeute eines wichtigen Besuches für die Türkei so mager wie diesmal. Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad enttäuschte seine Gastgeber bei den Gesprächen über das umstrittene Atomprogramm seines Landes ebenso wie bei energiepolitischen Fragen – und dazu sorgte der Gast aus Teheran auch noch bei den Istanbuler Normalbürgern für erheblichen Ärger: Die strengen Sicherheitsvorkehrungen für Ahmadinedschad, der am Freitag am Mittagsgebet in der historischen Blauen Moschee teilnahm, legten den Verkehr in Teilen der Metropole lahm.

Als Nato-Staat und Partner Israels war die Türkei mit der Einladung an den iranischen Präsidenten ein politisches Risiko eingegangen; die Regierung in Tel Aviv hatte schon letzte Woche gegen den Besuch Ahmadinedschads protestiert. Die Türken, die das iranische Atomprogramm auch als Bedrohung der eigenen Sicherheit betrachten, hatten gehofft, Ahmadinedschad im persönlichen Gespräch davon überzeugen zu können, dass Iran eine Konfrontation mit dem Westen nicht gewinnen kann.

Das Paket der Sechsergruppe aus China, Frankreich, Großbritannien, Russland, den USA und Deutschland sei eine Gelegenheit, den Atomstreit friedlich beizulegen, mahnte der türkische Präsident Abdullah Gül. Die Türkei sei zur Hilfe bei der Suche nach einer Lösung bereit. Ahmadinedschad genoss die Gelegenheit, mit seinem Besuch die internationale Isolation des Iran durchbrechen zu können, ließ aber nicht erkennen, dass Iran seine Haltung im Atomstreit ändern wolle.

Beim anderen wichtigen Thema des Besuches verfehlte die Türkei ebenfalls ihr Ziel. Trotz stundenlanger Verhandlungen konnten sich beide Seiten nicht auf ein Abkommen über die Lieferung von iranischem Erdgas an die Türkei einigen. Ankara versucht derzeit, seine Abhängigkeit von Russland als Energielieferant zu reduzieren – Moskau liefert 60 Prozent der türkischen Gaseinfuhren. Auch das persönliche Verhalten des iranischen Präsidenten war für seine Gastgeber nicht die reine Freude. Am Freitag stichelte er gegen die Trennung von Politik und Religion beim Nachbarn. Wenn er als Schiit und Staatschef in der sunnitischen Blauen Moschee das Mittagsgebet verrichte, sei das eine wichtige politische Geste: „Der Islam ist größer, er übersteigt die Grenzen der Politik.“ Türkische Regierungspolitiker, die von der Justiz des Landes als islamistische Gefahr betrachtet werden, dürften sich die Haare gerauft haben.

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