Politik : Aussiedler-Beauftragter Welt ist in schwieriger Mission in Kasachstan unterwegs

Stefan Koch

"Draußen ist Frihling. Wir missen aufs Feld, Brot säen", sagt Andrej Hofmann. Hofmann steht auf, nimmt seine Pelzmütze ab und hält sie mit beiden Händen fest. Verlegen fügt der Bauer hinzu: "Dank an Deutschland für Mehl im Winter. Aber jetzt brauchen wir Maschinen. Das Mehl wollen wir doch selber machen." Gemeinsam mit seinen Nachbarn sitzt Andrej Hofmann dicht gedrängt im kleinen Gemeindesaal von Krasnij-Kut im Norden Kasachstans. Von den braunen Holzbohlen, die auf dem Boden liegen, und den weiß getünchten Wänden ist fast nichts zu sehen. Bis auf den Hausflur drängeln sich die Menschen aus dem kleinen Dorf. Jochen Welt ist zu Gast. Zum ersten Mal ist der neue Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen in den Siedlungsgebieten der Russland-Deutschen in Kasachstan unterwegs.

Auf den Besuch des Politikers aus Berlin haben sich die Einwohner von Krasnij-Kut gut vorbereitet. Schon am frühen Morgen legten sie vor dem Gemeindehaus Planken in den Schlamm, damit der Gast den Saal mit sauberen Schuhen erreichen kann. Ältere Frauen tragen deutsche Trachten und singen das Volkslied "Schön ist die Jugend", die jüngeren, in Jeans und mit tief ausgeschnittenen Blusen, schalten den Kassettenrekorder ein und singen "Liebeskummer lohnt sich nicht my Darling, yeah, yeah". Nach kurzer Begrüßung mit Brot und Salz stellt Jochen Welt klar, dass sich an den gesetzlichen Bestimmungen zur Ausreise nach Deutschlands nichts Grundlegendes ändern wird. Welt sagt aber auch, dass die Bundesregierung den Russlanddeutschen helfen will, in ihrer alten Heimat zu bleiben.

"Wir können nur Anstöße geben"

Dass es neue Akzente in der Ausländerpolitik gibt, bekommt an diesem Nachmittag in Krasnij-Kut auch der kasachische Landrat zu spüren, der sich mit an den Tisch der deutschen Delegation gesetzt hat. "Verantwortlich für die Russlanddeutschen in Kasachstan ist zuerst einmal die Titularnation. Wir können höchstens den Kopiloten stellen", so Welt. Ebenso wie Russland habe schließlich auch Kasachstan die international gültigen Verträge zum Schutz von Minderheiten unterschrieben, zum Beispiel im Rahmen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Das gelte auch für die 350 000 Russlanddeutschen, die mit ihren Familien noch in Kasachstan leben. Damit sich ihre Lebensverhältnisse ein bisschen verbessern, stellt allein das Bundesinnenministerium für dieses Jahr knapp zehn Millionen Mark zur Verfügung. Im Gegensatz zu früheren Jahren sollen mit diesem Geld aber keine Werkstätten, Mühlen oder gar Fabriken gebaut werden. Jetzt gehe es ausschließlich um Hilfe zur Selbsthilfe. Welt setzt dabei vor allem auf die Berufsausbildung: "Wir können nur Anstöße geben. Den Weg müssen Sie schon allein gehen."

Russlanddeutsche haben guten Ruf

Diese neuen Töne in der Aussiedlerpolitik hören nicht nur die Russlanddeutschen in Krasnij-Kut, sondern am nächsten Tag auch der stellvertretende Premierminister Erzhan Utembajew in der Hauptstadt Astana. Utembajew, der zum engsten Machtzirkel von Präsident Nursultan Nasarbajew gehört, kann dem deutschen Parlamentarier nur zustimmen: "Die Russlanddeutschen besitzen in unserem Land einen sehr guten Ruf. Ihre Ausreise ist für uns ein großer Verlust." Der Kasache macht allerdings auch kein Hehl daraus, in welcher Lage sich die ehemalige Sowjetrepublik befindet: In Kasachstan sind in jüngster Zeit zwar große Erdölvorkommen entdeckt worden. Außerdem könnten so gut wie alle Rohstoffe gefördert werden, von Kohle, Zink und Chrom bis zu Gold und Silber. Aber noch leben 70 Prozent der Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Eine angemessene medizinische Versorgung gibt es vor allem auf dem Lande schon seit Jahren nicht mehr. Sogar die staatliche Hilfe für ehemalige deutsche Zwangsarbeiter, die so genannten Trudarmisten, musste vor zwei Jahren eingestellt werden.

Einen Hoffnungsschimmer sieht sowohl die kasachische Regierung als auch Jochen Welt in den zwei Millionen Spätaussiedlern, die bereits in Deutschland leben. Trotz aller Konflikte mit jugendlichen Aussiedlern hätten sich viele Familien bereits fest in ihrer neuen Heimat etabliert. Dass die Bundesrepublik mittlerweile zum zweitgrößten Handelspartner Kasachstans geworden ist, sei zu einem Teil auch auf die Arbeit der Spätaussiedler zurückzuführen, die sich vor allem im Exportgeschäft nach Osteuropa engagieren. Diese Menschen sind nach Meinung von Welt jetzt aufgerufen, ein Stück der Solidarität weiterzugeben, die sie selbst bei ihrer Ausreise Anfang der neunziger Jahre erhalten haben: "Wenn die Neuankömmlinge in Deutschland den Kontakt mit Kasachstan aufrecht erhalten und ausbauen, profitieren beide Länder davon."

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