Ausstellung der Amadeu Antonio Stiftung : DDR: Antifaschistisch – und judenfeindlich

Die DDR stellte sich gerne als antifaschistischen Staat dar, doch der Antisemitismus blühte. Die SED diskriminierte Juden, Neonazis attackierten Friedhöfe.

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Berlin - Viele Ostdeutsche konnten und wollten es sich nicht vorstellen. „Das hat’s bei uns nicht gegeben“ war eine häufige Reaktion auf die Auswüchse, die eine der hässlichen, aber kaum bekannten Seiten der DDR zeigten. Umgeworfene Grabsteine auf einem jüdischen Friedhof, ein Neonazi mit Hitlergruß bei einem Treffen mit Gleichgesinnten vor einem Plattenbau, geschmierte Parolen wie „Judendreck“, Pamphlete einer Gruppierung namens „SS-Division Walter Krüger“, deren Mitglieder ihre Opfer mit elektrischen Viehtreibern quälten – es hatte doch existiert, was im antifaschistischen Staat angeblich weder sein konnte noch sein durfte: Antisemitismus, Rechtsextremismus, braune Gewalt. Und eine unfreundliche bis feindselige Haltung in der SED gegenüber Juden. In der Ausstellung der Amadeu-Antonio-Stiftung, die seit April 2007 durch Ostdeutschland tourt, werden die Besucher mit unangenehmen Fakten konfrontiert.

Inzwischen seien vier Gästebücher „dicht beschrieben“, sagt Heike Radvan, eine Mitarbeiterin der Stiftung. Es gebe viele kritische Nachfragen, aber keine Angriffe. Im Internet seien allerdings antijüdische Beschimpfungen zu lesen. Jedenfalls hat die massive Resonanz die Stiftung nun veranlasst, ein Buch zur Ausstellung über Antisemitismus in der DDR herauszugeben. Der Titel lautet, beinahe zwingend, „Das hat’s bei uns nicht gegeben“. Am Dienstagabend haben Radvan und die Chefin der Stiftung, Anetta Kahane, das Buch im Centrum Judaicum in Berlin-Mitte vorgestellt. Gekommen sind auch Zeitzeugen, die wie Kahane, selbst Jüdin, eine zwiespältige Erinnerung an die Lebensjahre in der DDR äußern.

„Mein Vater hat mir nach der Wende erzählt, er habe in der DDR immer Angst gehabt, als Jude identifiziert zu werden“, sagt Kahane. Als sie in ihrer Jugend demonstrativ einen Davidstern trug, habe es in der Familie großen Ärger gegeben. „Da waren meine Eltern gegen, sie wollten nicht auffallen.“ Und das, obwohl der Vater ein renommierter Journalist war, der unter anderem über den Prozess gegen den NS-Massenmörder Adolf Eichmann in Israel berichtete. Gezwungenermaßen aber in einseitiger DDR-Diktion, „dass einem die Haare zu Berge standen“, wie Kahane sagt. Die SED nutzte den Prozess zur Propaganda gegen Westdeutschland, wo angeblich ähnlich schlimme Nazis wie Adolf Eichmann mitregierten.

Andrej Hermlin, bekannter Swingmusiker und Sohn des jüdischen Schriftstellers Stephan Hermlin, einem der großen Literaten der DDR, erinnert sich an rassistische Parolen und einen antisemitischen Lehrer. „Ich wurde als Kind als Russenschwein beschimpft“, berichtet Hermlin, dessen Mutter aus Russland stammt. Zudem habe ihm der Lehrer gesagt, „es gab die armen unschuldigen Juden, die im KZ umgekommen sind – aber es gab ja auch die jüdischen Milliardäre“.

Bei der Diskussion wie auch im Buch und in der Ausstellung wird deutlich, in welchem Maße die SED, mit wenigen Ausnahmen, die Diskriminierung von Juden in der DDR betrieb. Drei Beispiele: In KZ-Gedenkstätten wurden die jüdischen Opfer des NS-Regimes zu Randfiguren degradiert, der palästinensische Terror gegen Israel erfuhr kräftige Unterstützung. Und Neonazis, die gegen Juden hetzten, kamen oft glimpflich davon.

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