Politik : Ausstieg der katholischen Kirche wird wahrscheinlicher

Ein Ausstieg der katholischen Kirche aus dem staatlichen System der Schwangerenkonfliktberatung wird immer wahrscheinlicher. Der Vorsitzender Deutschen Bischofskonferenz und Mainzer Bischof Karl Lehmann sagte am Montag in Fulda, der erst im Juni in Würzburg gefundene Kompromiss zur Fortsetzung der Beratung werde keinen Bestand haben. Die katholischen deutschen Bischöfe kamen am Montag in Fulda zu ihrer regulären Herbstvollversammlung zusammen. Lehmann bestätigte den Eingang eines vatikanischen Schreibens, das aber erst am Freitag veröffentlicht werden soll.

Nach den Worten des Bischofs stammt der Brief, in dem der Vatikan erneut zur Rolle der katholischen Kirche in der Schwangerenkonfliktberatung Stellung nimmt, nicht vom Papst, sondern von Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano und dem Vorsitzenden der römischen Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger. Der Mainzer Bischof ließ durchblicken, dass er am heutigen Dienstag erneut für den Vorsitz der Bischofskonferenz kandidieren werde. Der Streit um die Schwangerenkonfliktberatung mache ihn nicht mürbe, sagte Lehmann.

Zum Auftakt der Herbstvollversammlung hatten Befürworter und Gegner der kirchlichen Schwangerenkonfliktberatung ihre Positionen bekräftigt. Bischof Lehmann, warnte die Kirche davor, sich in eine Nische zurückzuziehen. "So lange Kirche in welcher Form immer Volkskirche ist, muss sie sich einfach mit den Problemen beschäftigen, die in der Gesellschaft die Menschen umhertreibt", sagte Lehmann der ARD.

Am Vortag hatte bereits der Limburger Bischof Franz Kamphaus, der ebenso wie Lehmann für das Verbleiben der katholischen Kirche im Beratungssystem eintritt, die bisherige Beratungspraxis verteidigt. Der Bischof von Erfurt, Joachim Wanke, predigte gar gegen den Papst und unterstützte den Kurs Lehmanns. Der Münchner Kardinal Friedrich Wetter sagte dagegen, "die Hilfe für die Mutter ist an keinen Schein gebunden".

Im Juni hatten sich die Bischöfe in Würzburg auf den Kompromiss verständigt, den Beratungsschein von Oktober an mit dem Zusatz zu versehen: "Diese Bescheinigung kann nicht zur Durchführung straffreier Abtreibungen verwendet werden." Da der Schein vom Staat dennoch für den Abbruch anerkannt werden sollte, hatte sich der Kölner Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, vor einem "geradezu unlösbaren Dilemma" gesehen. Er wandte sich mit der Bitte um Klärung an Rom. Der zur Versammlung in Fulda erwartete vierte Brief des Papstes soll diese Klarheit schaffen.

Laienverbände und Politiker aller Parteien sprachen sich vor der Konferenz erneut für den Verbleib der Kirche im derzeitigen Beratungssystem aus. Sie kündigten die Gründung einer privaten Stiftung an, die die bisherige Rolle der Amtskirche übernehmen könnte. Die stellvertretende Vorsitzende des Zentralkomitees der Katholiken (ZdK), Annette Schavan, warnte erneut vor einem Ausstieg aus der Schwangerenberatung.

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