Auszeichnung : Ehre für einen Vordenker und einen Pionier

Weizsäcker und Zinke erhalten Umweltpreis

Dagmar Dehmer

Berlin - Der Deutsche Umweltpreis hat einige Ähnlichkeit mit dem Friedensnobelpreis: Er ist hoch dotiert (500 000 Euro), und es gibt immer wieder Preisträger, bei denen man sich fragt, warum sie ihn nicht früher bekommen haben. Ernst Ulrich von Weizsäcker zum Beispiel. Der 69-jährige Gründungspräsident des Wuppertal-Instituts und derzeitige Dekan der Donald-Bren-School für Umweltwissenschaft und -management in Kalifornien teilt sich den Umweltpreis mit dem Biotechnik-Unternehmer Holger Zinke. Am heutigen Sonntag bekommen die beiden den Preis in Rostock von Bundespräsident Horst Köhler überreicht.

Der 45-jährige Zinke, der 1993 die Firma Brain im hessischen Zwingenberg gegründet hat, stellt Firmen Gen-Informationen von Mikroorganismen zur Verfügung, mit denen beispielsweise Enzyme hergestellt werden können. Mit Hilfe der Enzyme können chemische Prozesse mit geringerem Energieeinsatz und oft auch unter Verzicht auf gefährliche Giftstoffe ablaufen. Ein Beispiel ist ein Waschmittelenzym, das Brain und der Chemiekonzern Henkel gemeinsam entwickelt haben. Es ermöglicht, Wäsche statt mit 60 nur noch mit 40 Grad zu waschen. Nach Berechnungen der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), die den Preis vergibt, ließe sich damit in Deutschland jährlich so viel Energie sparen, dass 1,3 Millionen Tonnen Kohlendioxid vermieden werden könnten. Die DBU lobt, dass Zinke mit seinem mittelständischen Unternehmen Technologieführer geworden sei.

1989 wurde Ernst Ulrich von Weizsäcker, Sohn des Physikers und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker, einer breiteren Öffentlichkeit mit seinem Buch „Erdpolitik“ bekannt. Ihm ging es stets um die Indienstnahme der Wirtschaft für eine ökologischere Zukunft. Mit seinem Buch „Faktor Vier“, in dem er die Vision doppelten Wohlstands bei halbiertem Ressourcenverbrauch formulierte, legte er Mitte 1995 eine Effizienzbibel vor, deren Ideen bis heute nicht vollständig umgesetzt sind. Derzeit schreibt Ernst Ulrich von Weizsäcker gemeinsam mit dem amerikanischen Effizienzpapst Amory Lovins an einem Nachfolgeband mit dem Titel „Faktor Fünf“. Sein Parteifreund, der derzeitige Umweltminister Sigmar Gabriel, nennt das Konzept heute „Ökologische Industriepolitik“.

Weizsäcker saß für die SPD von 1998 bis 2005 im Bundestag und war dort Vorsitzender der Enquetekommission „Globalisierung und Weltwirtschaft“. Seine Fähigkeit, die ökologischen Notwendigkeiten mit den wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Gegebenheiten zu verbinden, haben ihn weltweit zu einem gefragten Ratgeber gemacht. So beriet er 2002 vor dem Weltgipfel der Vereinten Nationen in Johannesburg den damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan. Bis heute gehört Weizsäcker zu einem Beratungsgremium des UN-Umweltprogramms, in dem es um nachhaltige Ressourcennutzung geht. Zudem ist er Teil des wachsenden westlichen Beraterstabs der Kommunistischen Partei Chinas. Er ist seit einiger Zeit Mitglied der Arbeitsgruppe „Ökonomische Instrumente im Umweltschutz“ des chinesischen Rats für Umwelt und Entwicklung. Dagmar Dehmer

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