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Autobrandstiftungen : „Die Politiker begreifen nicht, dass sie das Spiel der Täter mitspielen“

Die Autobrandstifter kommen nach Meinung von Christian Pfeiffer, Chef-Kriminologe in Niedersachsen, nicht aus dem linksradikalen Milieu. Im Interview warnt er auch vor dem Wahlkampfthema Brandstiftungen.

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In einer Halle in Schöneberg sammelt die Polizei die ausgebrannten Autos der vergangenen Monate. Eine Bildergalerie.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Henning Onken
19.08.2011 08:01In einer Halle in Schöneberg sammelt die Polizei die ausgebrannten Autos der vergangenen Monate. Eine Bildergalerie.

Herr Pfeifer, die meisten Menschen gehen fest davon aus, dass es sich bei den Autobrandstiftern um linksradikale Täter handelt. Teilen Sie diese Ansicht?

Nein, die Wahl der Orte und die Autotypen sprechen nicht mehr dafür, dass primär linke Täter hinter den Brandstiftungen stecken. Eine politische Zielrichtung ist meist nicht erkennbar und auch Bekennerschreiben gibt es schon länger nicht mehr. Es lässt sich in der Szene nicht begründen, einem 18-Jährigen seinen zehn Jahre alten Skoda abzubrennen. Die meisten Taten sind mit linker Ideologie nicht mehr vereinbar, was dafür spricht, dass eine neu hinzugetretene Tätergruppe am Werk ist.

Zum Beispiel?

Das sind ganz normale Brandstifter. Denkbar ist das Zündeln durch einzelne Erwachsene oder als eine Art Mutprobe von Jugendbanden, wie zuletzt in Hamburg. Die schaukeln sich gegenseitig hoch und jeder aus der Gruppe macht dann mit.

Warum steigt gerade jetzt die Zahl der brennenden Autos wieder an?

Den plötzlichen Anstieg interpretiere ich als Fernwirkung der Ausschreitungen in London. Natürlich nicht in dieser Qualität, aber quasi im Kleinformat. Nachts heimlich Autos anzuzünden ist das, was sich die Jugendlichen hier zutrauen, ohne Gefahr einzugehen, erwischt zu werden.

Aber was ist das Motiv?

Ich vermute primär solche Täter, die einen „Powerrausch“ erleben wollen. Das sind Menschen mit schwachem Selbstbewusstsein, die sozial und beruflich gescheitert sind und auf diese Weise Selbstwirksamkeit erleben wollen. Sie kommen aus Lebenssituationen, in denen sie einzeln oder als Gruppe wenig Positives bewirken konnten. Sie leiden unter ihrer gefühlten Ohnmacht. Durch das Abbrennen eines Autos fühlen sie sich plötzlich stark. Schließlich haben sie einen großen Polizei- und Feuerwehreinsatz ausgelöst und am nächsten Tag sind die Bilder auf der Titelseite der Zeitungen. Der Täter kann sich zurücklehnen und sagen: „Ich habe endlich etwas bewirkt.“ Dabei macht er sich gar nicht klar, dass er den Betroffenen massiven Schaden zufügt.

In Berlin sind die Brandanschläge plötzlich zum neuen Wahlkampfthema geworden. Hilft das, um das Problem zu lösen?

Ganz im Gegenteil. Ich halte es für absolut kontraproduktiv, dass die Politik sich jetzt mit diesem Thema profilieren will und dabei doch nur ihre eigene Ohnmacht zeigt. Die Politiker begreifen nicht, dass sie das Spiel der Täter mitspielen, wenn sie ihnen Beachtung schenken, die die gar nicht verdient haben. Wenn sich sogar die Bundeskanzlerin zu den Taten äußert, bestärkt das die Brandstifter.

Macht denn wenigstens die Polizei ihre Arbeit richtig?

Die Berliner Polizei ist überaltert und unterbesetzt. Das macht die Aufklärung der Taten sehr schwierig. Unter Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) wurde von 20 000 auf 16 000 Stellen gekürzt. Aber auch mit genug Personal ist es unmöglich, alle Autos der Stadt zu überwachen.

Wie ist die Brandserie dann zu stoppen?

Einerseits sollte die Bevölkerung im eigenen Interesse viel aufmerksamer sein, um Zündler auf frischer Tat zu ertappen und die Polizei zu rufen. Andererseits muss die Justiz Hinweisgebern aus dem Umfeld der Brandstifter volle Anonymität zusichern, sonst sind die 5000 Euro Belohnung sinnlos.

…weil die Zeugen Angst haben, vor Gericht aussagen zu müssen?

Genau das ist das Problem. Die Täter prahlen in ihrem sozialen Umfeld damit, was sie getan haben. Das Geld für den Tipp an die Polizei nehmen viele gern, aber kaum jemand möchte im Prozess auf der Zeugenbank sitzen. In den USA ist es übrigens ganz normal, dass der Hinweisgeber nicht aussagen muss. Der mutmaßliche Täter wird einfach von Beamten observiert und dann für die nächste Straftat verurteilt. Der Zeuge muss also nie vor Gericht, kassiert aber trotzdem die Belohnung.

Christian Pfeiffer ist Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen.

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