Automarkt : Was hat die Abwrackprämie gebracht?

Vor acht Monaten wurde die staatliche Abwrackprämie eingeführt. Nun, kurz vor der Bundestagswahl, ist der Fördertopf fast leer. Hat sich die Konjunkturhilfe für die Autohersteller gelohnt oder hat sie nur ein Strohfeuer entfacht?

Alfons Frese,Saskia Weneit
Abwrackpraemie
2500 Euro für einen Haufen Schrott - das ließen sich viele Autobesitzer nicht zweimal sagen. -Foto: ddp

Wer noch eine Prämie von 2500 Euro für sein altes Fahrzeug einstreichen will, muss jetzt zugreifen. Nach Angaben des zuständigen Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) waren am Montagmittag noch 181 036 Prämien verfügbar. Diese erhält, wer ein mindestens neun Jahre altes Auto verschrottet und dafür ein neues mit mindestens der Abgasnorm Euro 4 kauft. Das Statistische Bundesamt hat nun eine erste Bilanz nach Einführung der offiziell Umweltprämie genannten Fördermaßnahme vorgelegt.

Wem hilft die Prämie – und wem nicht?

In erster Linie hat die Abwrackprämie den Pkw-Herstellern geholfen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes konnte der Autohandel in den ersten fünf Monaten dieses Jahres ein Umsatzplus von 4,7 Prozent im Jahresvergleich erreichen. Die Zahl der Neuzulassungen stieg im selben Zeitraum deutlich stärker um 22,8 Prozent. „Viele haben den Kauf eines Wagens angesichts der Prämie vorgezogen“, sagte Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach.

Während die Händler jubeln, mussten die Autohersteller von Januar bis Mai Einbußen hinnehmen. „Die großen Verlierer sind die Premiumhersteller wie Daimler und BMW“, sagte Automobilexperte Bratzel. Die Exporte der meist größeren Wagen der deutschen Hersteller gingen drastisch zurück. Nach Daten des Kraftfahrt-Bundesamtes wurden dagegen kleinere, kostengünstigere Pkw bis zur Kompaktklasse von Januar bis Mai 2009 häufiger verkauft als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Bei größeren Wagen – außer bei Geländewagen und Vans – ging die Anzahl der Neuzulassungen zurück.

Wie viel Missbrauch gab es?

Bei der Bafa sind nach eigenen Angaben 190 000 Doppelanträge herausgefischt worden. Hinweise auf illegale Exporte eigentlich zu verschrottender Wagen habe es von Polizei und Zoll in nur rund 100 Fällen gegeben. „Ein Missbrauch war zu erwarten“, sagte Bratzel. Schließlich sei der noch bestehende Wert vieler Autos direkt in der Schrottpresse gelandet – da verwundere es kaum, wenn mancher die Autos weiterverkaufen wolle. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) hatte ohne nähere Belege von 50 000 Missbrauchsfällen gesprochen. Diese Zahl kann das Bafa jedoch nicht bestätigen.

Wann läuft die Prämie aus?

Genau kann das niemand sagen. Ganz grob: wenn die letzte Prämie weggegangen ist. Der Automobilklub ADAC rechnet noch mit einem Zeitraum von vier Wochen. Die Zahl der Neureservierungen liege seit längerem konstant bei 40 000 bis 50 000 pro Woche. Und da der Endspurt eingesetzt hat, geht niemand von einem plötzlichen Rückgang der Nachfrage aus.

Macht es Sinn, jetzt noch eine Prämie zu beantragen?

Ja. Aber interessierte Autokäufer sollten sich schnell entscheiden. „Wenn der Gedanke da ist, dann möglichst jetzt zum Autohändler gehen“, rät ADAC-Sprecher Marcus Krüger. Noch sind zehn Prozent des ursprünglichen Fördertopfes von fünf Milliarden übrig. Das ist nicht mehr viel. Wer sich daher in den kommenden zwei Wochen entscheide, sei auf der sicheren Seite, sagte Krüger. Bis zum Endspurt auf die letzten 10 000 Prämien zu warten, sei keine gute Idee. Denn am Ende könnte man sonst leer ausgehen.

Von den bislang rund 1,8 Millionen Antragstellern haben 770 000 bereits ihr Geld erhalten, berichtete das Bafa. Derzeit gingen rund 8000 Anträge pro Tag ein. „Wir haben fast 30 000 mehr Anträge als noch vergangenen Freitag“, sagte Bafa-Sprecher Beutel.

Ein Antrag kann seit kurzem nur noch über die Internetseite des Bafa (www.ump.bafa.de) gestellt werden. Damit soll eine möglichst schnelle Bearbeitung der Anträge gewährleistet werden. Nach der Reservierung, bei der der Kaufvertrag mit eingereicht werden muss, gibt es eine Eingangsbestätigung. „Dann kann man sicher sein, dass man noch eine Prämie bekommen hat“, sagte Beutel. Zwei Tage später kommt die Reservierungsbestätigung per Post ins Haus. Sobald die letzte Prämie vergeben wurde, wird das Portal für die Reservierungen nicht mehr erreichbar sein.

Gibt es Überlegungen, sie zu verlängern?

Nein. „Eine Verlängerung bedeutet das Aufstocken der Mittel“, sagte Beutel. Daher halte er dies für sehr unwahrscheinlich. Auch der ADAC rechnet nicht mit einer Verlängerung der Prämie. Und auf politischer Ebene sind derartige Diskussion ebenfalls nicht zu vernehmen.

Was wird aus dem deutschen Autohandel im nächsten Jahr?

Das wird ganz bitter. Skeptiker rechnen mit einer Insolvenzwelle. In diesem Jahr werden in Deutschland voraussichtlich gut 3,5 Millionen Autos verkauft, im nächsten nur noch 2,7 Millionen; vielleicht sogar noch weniger. Dieser Absturz ist für viele Händler kaum zu verkraften, auch wenn sich der Gebrauchtwagenmarkt nach dem Ende der Abwrackprämie leicht stabilisieren dürfte. Vom „Platzen der Abwrackblase“ ist gelegentlich die Rede, wenn die dramatische Dimension auf den Begriff gebracht werden soll.

Es sind ja nicht allein die wegen der Subvention vorgezogenen Geschäfte, die dem Handel im kommenden Jahr fehlen. Die Prämie hat vielmehr entscheidend dazu beigetragen, dass sich die Autokäufer überhaupt an riesige Rabatte gewöhnt haben. In diesem Sommer hat Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer erstmals im deutschen Automarkt einen Rabatt von mehr als 50 Prozent festgestellt. Das ist Wahnsinn.

Als die großen amerikanischen Hersteller nach den Terroranschlägen vom September 2001 den Markt mit Rabatten stabilisierten, gelang das zweifellos. Doch der Markt war verdorben – und bis heute kämpfen die US-Hersteller ums Überleben, viele tausend Händler haben aufgegeben. Das wird in Deutschland auch so sein. Von den 16 000 Händlern werden nach Experteneinschätzung rund 4000 die Zeit nach der Prämie nicht überleben. Prämie weg, Rabatte hoch, dazu ein riesiges Staatsdefizit, das vermutlich Steuererhöhungen nach sich zieht, immer mehr Arbeitslose und jede Menge Unternehmenspleiten – 2010 kann ein Horrorjahr werden für den Automarkt, und vor allem für die Autohändler.

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