Politik : Avantgarde des Alters

Von Rüdiger Schaper

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Das Haus der Kulturen der Welt: Im Sommer muss es ein Jahr lang wegen Renovierung schließen. Der Gropius-Bau: ein Spielfeld allzu vieler Institutionen und Interessen. Das Haus der Berliner Festspiele: ein schönes Theater, wenn es gefüllt werden kann. Dafür fehlt es nicht so sehr an den Ideen als an finanziellen Mitteln. Was haben diese Berliner Gehäuse gemeinsam? Sie unterstehen allesamt dem Bund. Und sie sind, tatsächlich oder konzeptionell, Baustellen.

Die größte der Baustellen aber nennt sich Akademie der Künste. Ein Trauerspiel auf der prominentesten Bühne der Hauptstadt – am Brandenburger Tor. Ein Neubau, der kaum zu gebrauchen ist; ein Präsident, der wütend zurücktritt; ein Kulturstaatsminister, der, wie peinlich, den Club der Künstler und Intellektuellen zu mehr gesellschaftlichem Engagement aufruft; und immer mehr gewichtige Stimmen, die einen radikalen Neuanfang fordern und sogar den Rückzug vom Pariser Platz. Das hält auch die nobelste Tradition nicht ewig aus.

Mit traumwandlerischer Sicherheit hat der Bund in den vergangenen Jahren Berliner Kulturinstitute übernommen, die seit der Wende in der Krise sind und vor schier unlösbaren Aufgaben stehen. Es wundert nicht, dass auch die Staatsoper Unter den Linden in die gesamtstaatliche Obhut drängt, mit ihrem gewaltigen Sanierungsbedarf. Das Land Berlin hat dafür die Mittel nicht, ist als Träger hier überfordert. Fairerweise muss man sagen: Nicht die Zuständigkeit des Bundes schafft die Probleme. Sondern ohne das nationale Engagement existierten einige dieser Institutionen schon gar nicht mehr.

So viel zur (Bundes-)Kulturpolitik. Sie ist aber machtlos, was den inneren Zustand einer Akademie angeht. Sie kann und darf da nicht hineinregieren. Der Staat gibt ein Akademiegesetz. Und Geld: achtzehn Millionen Euro jährlich. Man weiß also wenigstens, was eine Akademie wert ist. So viel wie ein großes Staatstheater. Da stellt sich die erste Grundsatzfrage: Soll die Akademie der Künste als Allround-Kulturveranstalter auftreten, und ist sie dazu überhaupt in der Lage, angesichts ihrer unprofessionellen Strukturen und der vielgestaltigen Konkurrenz in Berlin? Möglicherweise empfiehlt sich eine Konzentration aufs Wesentliche: auf die Schätze des Archivs und den Freiraum für ästhetische und intellektuelle Debatten.

Wann aber sind zuletzt von dieser Akademie Impulse, Ideen ausgegangen? Ist die Vorstellung einer hochmögenden Künstlersozietät jenseits kommerzieller Vermarktungszwänge nicht im Grunde überholt? Was soll und kann eine nationale Akademie, die immer noch eine Berliner Geschichte ist, in einer globalisierten Welt bewirken? Will man denn wirklich zum Karikaturenstreit, zur Texttreue auf dem Theater oder zur Filmförderung Resolutionen aus mehr oder weniger berufenen Mündern hören? Wer etwas zu sagen hat, braucht dazu keine Akademie.

Erst einmal müssen sie jetzt einen neuen Präsidenten wählen in ihrem Glashaus. Ja, Glasnost und Perestrojka am Pariser Platz – die Akademie der Künste braucht einen Gorbatschow, einen Umgestalter. Jedoch, nur Bürokraten stellen sich momentan hinter den Kulissen auf. Wird so einer gekürt, geht die zähe Agonie weiter. Kommt ein realistischer Visionär, kann es der Akademie ergehen wie einst der Sowjetunion: Sie löst sich auf. Es gibt auch Hoffnung. Denn die Akademie spiegelt unsere überalterte Gesellschaft wider. Da ist sie Avantgarde.

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