Axel Noack : "Die Gesellschaft dünnt in der Mitte aus"

Altbischof Axel Noack über Gratwanderungen der Kirche in der DDR, sterbende Dörfer und ein Lied der Prinzen.

Noack
Altbischof Axel Noack -Foto: Mike Wolff

1989 waren Sie Pfarrer in Wolfen, im verdreckten Chemiedreieck der DDR. Lag dort die Revolution buchstäblich in der Luft?



Man denkt immer, da seien die Leute besonders aufrührerisch gewesen. Das war aber nicht so. Es gab ein paar wenige Umweltaktivisten. Die Leute mussten dort leben und haben vieles verdrängt.

Aber es hat überall gestunken ...

Ich hatte mal einen Arzt aus Schwerin zu einem Gemeindeabend eingeladen. Der brachte Schaubilder mit, auf denen der Lungenflügel eines 80-Jährigen in Schwerin und eines 30-Jährigen aus Bitterfeld zu sehen waren. Beide waren gleich stark staubbelastet. Den haben die Leute fast gelyncht – das wollten sie nicht hören.

Aber die kritischen unter ihnen haben sich bei Ihnen in der Kirche versammelt.

Im Innern standen die meisten Menschen dem Staat kritisch gegenüber. Heute schätzen wir, dass 20 Prozent der Leute richtig von der DDR profitiert haben. Nur zehn Prozent waren wirklich oppositionell. Die meisten waren innerlich ablehnend, aber nach außen angepasst. Erst nach der friedlichen Revolution wollten plötzlich alle Gegner gewesen sein.

Was hat Sie damals bewogen, die Kirchentüren für die Opposition zu öffnen?

Es ging ja gar nicht anders. Zuerst kamen die Leute, die ausreisen wollten. Bald gab es Spannungen zwischen denen, die wegwollten, und denen, die bleiben wollten, um etwas zu verändern. Aber die, die wegwollten – Angehörige der technischen Intelligenz oder Lehrer – kamen zum Pfarrer, obwohl sie gar nicht der Kirche angehörten.

Und wieso kamen sie zum Pfarrer?


Die meisten hatten gehört, in der Kirche könnten sie das Schlussdokument von Helsinki, der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), lesen. Alle wussten, dort gab es den berühmten „Korb 3“ zu humanitären Fragen und Reiseerleichterungen. Damit wollten sie sagen: Ich will weg, bitte hilf mir. Wir mussten diesen Leuten helfen.

Brachte Ihnen das Ärger mit Ihren Kirchenoberen?

Ärger nicht, aber wir haben heftig gestritten. Es gab sehr angepasste Kirchenleute, die sagten: Die Kirche ist offen für alle, aber nicht für alles. Aber die Menschen kann man nicht einfach wegschicken. Da kamen manche und sagten: Meine Frau bringt sich um, wenn wir jetzt nicht rauskommen. Da bin ich zum Rat des Kreises gegangen und habe gesagt: Lasst die Leute doch ziehen. Die DDR hat dadurch, dass sie Tausende rausgelassen hat, auch Druck aus dem Kessel genommen.

Aber diejenigen, die noch etwas bewegen wollten in der DDR, kamen noch?

Im Herbst 1989 strömten die Menschen in die Kirche, als wir angekündigt hatten, dass wir die neu gebildeten Gruppen vorstellen würden: Neues Forum, Demokratischer Aufbruch, SDP, die neu gegründete DDR-SPD. Ein kleiner Zettel an einem Baum, und die Kirche war so voll, dass die meisten stehen mussten.

Die katholische Kirche hat sich damals rausgehalten.

Die katholische Kirche spielte in der DDR ohnehin keine große Rolle. Und sie wollte mit dem Staat nichts zu tun haben. Im Unterschied dazu sind die Protestanten eher in der Gefahr, den Staat zu vergötzen, sie sind obrigkeitstreu. Die Protestanten haben erst im Dritten Reich richtig begriffen, dass Obrigkeit auch pervertieren kann. Auch in der DDR schlitterte die evangelische Kirche immer mit einem Bein an der Korruption vorbei. Da konnte einer vom Staat kommen und sagen: Herr Pfarrer, Ihre Kirche braucht ein neues Dach. Darüber ließe sich reden, wenn Sie vielleicht mal einen freundlichen Artikel über unsere DDR schreiben würden. Die Diakoniechefs haben die Betten für ihre Krankenhäuser nur bekommen, wenn sie sich wohlverhalten haben. Das waren schwierige Spannungsfelder. Indem die Kirche den Menschen half, hat sie die DDR auch stabilisiert.

Gilt das auch für den Häftlingsfreikauf, den die Kirche im Wesentlichen abgewickelt hat?

Den Häftlingen hat das natürlich geholfen. Aber wir haben damit der DDR auch Devisen verschafft. Das lief so: Die Bundesregierung hat der Diakonie im Westen Geld zur Verfügung gestellt. Wir haben mit dem Westgeld für die DDR Steinkohle gekauft. Zeitweise war die Kirche der größte Kohleimporteur der DDR. Das hat die DDR gestärkt. Aber um der Menschen willen muss man mitunter auch Unrechtssysteme stabilisieren.

Die Kirche hat den Menschen geholfen, später hat sie der friedlichen Revolution den Weg geebnet. Warum konnte sie diese tragende Rolle nicht für sich nutzen? Nach 1990 hat sie in Ostdeutschland kaum Zulauf bekommen.

Man kann heute in jeder Kneipe eine Partei gründen, dafür braucht man die Kirche nicht. Das ist doch etwas Gutes. Damals waren die Leute in Not. Die sind nicht gekommen, um das Evangelium zu hören. Viele Ostdeutsche haben ein Verhältnis zur Kirche wie zur Versicherung: Im Schadensfall treten sie mit ihr in Beziehung.

Geben Sie sich damit zufrieden?


1989 hatte man natürlich andere Hoffnungen. Aber schauen Sie sich die vielen an, die sich in Vereinen für die Erhaltung der Dorfkirchen einsetzen. Nur die Hälfte sind Kirchenmitglieder. Man muss die Kirche im Dorf lassen. Das ist ein hoch theologischer Satz.

Der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) beklagt Verwahrlosung und Entbürgerlichung im Osten und fordert eine Wiederbelebung des Christentums. Zu Recht?

Vieles hat sich wieder erholt: Straßen und Städte sind wieder schön, das Telefonnetz ist großartig. Aber von dem Weggang von vier Millionen Menschen haben wir uns im Osten nicht erholt. Das waren bürgerliche Schichten, die auch die Kirche getragen haben. Die Gesellschaft dünnt sich in der Mitte aus.

Kann man das aufhalten?

Vieles hängt von der wirtschaftlichen Entwicklung ab. Die wird sich unterschiedlich auswirken. In Halle, Jena, Erfurt wird es brummen, da wird auch kirchlich wieder etwas beginnen. Aber in anderen Gegenden, etwa in der Altmark, werden die Dörfer sterben.

Was kann die Kirche tun? 

Wir müssen auf die Kinder setzen. Wir könnten überall Schulen gründen, so groß ist der Bedarf. Eltern nehmen den Religionsunterricht in Kauf, wenn sie dafür eine gute Schule bekommen. So werden Themen über die Kinder an die Küchentische der Eltern transportiert, die wir da nie hinkriegen würden.

Könnte die Kirche mehr punkten, wenn sie gerade jetzt in der Krise deutlicher auf Abstand zum kapitalistischen System ginge?


Wir müssen doch froh sein, dass wir jetzt in geordneten Verhältnissen leben. Die müssen wir stabilisieren und dürfen sie nicht beschädigen.

Stabilisieren statt revolutionieren? 

Ich habe viel mit Handwerkern zu tun. Die arbeiten viel, dann bleiben sie auf den Rechnungen sitzen. Wenn sie klagen, dauert das Jahre. Die sehen da ein Versagen des Staates. Wir haben Veranstaltungen gemacht mit dem provokanten Motto „Du musst ein Schwein sein in dieser Welt“, nach dem Lied von den Prinzen. Da kamen viele und sagten: Jawohl, du musst ein Schwein werden, sonst gehst du unter. Aber die meisten wollen ehrbare Handwerker sein. Das ist unsere Aufgabe: die Leute so weit zu stabilisieren, dass sie nicht zum Schwein werden.

Fühlen sich die Menschen im Osten noch benachteiligt gegenüber dem Westen?

In den Dörfern nicht. Da gibt es andere Probleme. Ich war neulich bei einer alten Dame zum Geburtstag. Ihr Haus ist schön hergerichtet, das Dach frisch gedeckt. Der Tisch bog sich vom vielen Essen. Und doch klagte die Frau: Herr Pfarrer, es war noch nie so schlimm wie heute. Die Kinder sind weg, Enkel hat sie keine. Ihr Haus, um das sie in der DDR gekämpft hat, will keiner. Wenn sie es verkauft, kriegt sie nichts dafür. Und wenn sie stirbt, ist niemand da, der das Grab pflegt. Auch deshalb haben wir immer mehr anonyme Bestattungen. Andererseits berichten mir Pfarrer von Witwen, da baumelt die Asche vom verstorbenen Mann zum Diamant gepresst am Busen. Was sollste da noch sagen? Immer weniger entscheiden sich für ein normales Grab mit einem Stein als Ort der Erinnerung.

Wenn die Mitte schwindet, schwinden auch die bürgerlichen Parteien.

Das beunruhigt mich sehr. Deshalb erwäge ich auch, in eine Partei einzutreten. Parteien brauchen Leute, die sich nicht aus Karrieregründen engagieren, sondern bereit sind zur Kärrnerarbeit.

In welche wollen sie eintreten?

Es kommen nur die SPD oder die Grünen infrage.

Warum nicht die CDU, die das Christliche im Namen führt?

Die CDU ist hervorgegangen aus einer kirchlichen Partei, der Zentrumspartei, das ist eigentlich etwas tief Katholisches. Der richtige Protestant sagt: Die Welt darf weltlich sein. Die Kirche hat nicht die Welt zu regieren. Auch stört mich der Umgang der CDU mit ihrer Vergangenheit. Die PDS-Akten liegen auf der Straße. Aber die CDU hat ihre Akten gleich ins Parteiarchiv nach St. Augustin abtransportiert.

Das Gespräch führten Claudia Keller und Matthias Schlegel.


ZUR PERSON

BODENSTÄNDIG 

Noack wurde 1949 in Biesnitz (Kreis Niesky) als Sohn eines Betriebswirts und einer Sachbearbeiterin geboren. Er wuchs in Halle auf, studierte Theologie und ging als Studentenpfarrer nach Merseburg. Seit 1985 war er Pfarrer in Wolfen.

ENGAGIERT

1989/90 war Noack in der Bürgerbewegung aktiv. Er arbeitete mit am „Runden Tisch“ in der DDR und im MfS-Überprüfungsausschuss. Auch den kirchlichen Vereinigungsprozess gestaltete er mit.

BISCHÖFLICH

1997 wurde er evangelischer Bischof der Kirchenprovinz Sachsen. Als diese 2009 mit der Thüringischen Landeskirche fusionierte, schied er aus dem Amt. Mit Beginn des Wintersemesters wird Noack Dozent an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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