Azubi-Mangel in Berlin : Betriebe verzichten auf Einstellungstest

Um ihre Ausbildungsplätze besetzen zu können, senken Berlins öffentliche Arbeitgeber die Ansprüche an die Bewerber. Das ist richtig so und kann nur ein erster Schritt sein. Ein Kommentar

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Wer wird was können - und was davon steht in den Zeugnisnoten.
Wer wird was können - und was davon steht in den Zeugnisnoten.Foto: dpa

Deutsch 5, Mathe 5. Wer mit solchen Abschlussnoten in die Ausbildung starten will, hat normalerweise schon verloren. Spätestens beim Einstellungstest ist Schluss, wenn die Fünfen sich in miserabler Rechtschreibung und dem Scheitern an den Grundrechenarten niederschlagen. „Du kommst hier nicht rein“, lautete bisher die Botschaft, wenn sich schlechte Schüler um eine Lehrstelle bewarben.
Das soll jetzt anders werden, denn Not macht nicht nur erfinderisch, sondern manchmal auch tolerant: Angesichts leer bleibender Ausbildungsplätze sind die öffentlichen Arbeitgeber und auch Berlins Landesbetriebe bereit, ihre Ansprüche zu senken. Im Rahmen eines neuen Modellversuchs wollen sie ausprobieren, ob man nicht auch aus Schülern mit unglaublichen Wissenslücken gute Mitarbeiter machen kann. Die Idee hatte der Integrationsbeauftragte, und sie besteht ganz einfach darin, dass die Betriebe auf den sonst obligatorischen Einstellungstest verzichten. Die Hoffnung dahinter: Wenn Jugendliche und Betrieb erst mal zusammengefunden haben, kann es – mit gutem Coaching – klappen, dass trotz der schlechten Noten am Ende die erfolgreiche Ausbildung steht.

Das Projekt richtet sich vor allem an Migranten


Mit Recht richtet sich das Modellprojekt vor allem an Jugendliche mit Migrationshintergrund, denn ihr spezielles Dilemma lässt sich an zwei Zahlen zeigen. Mehr als 40 Prozent der Berliner Jugendlichen kommen aus Zuwandererfamilien, aber sie stellen nur 15 Prozent der Azubis. Das hat zum einen mit Traditionen zu tun, mit fehlendem Wissen über das duale Ausbildungssystem. Es hängt aber auch ganz schlicht mit mangelnden Schulkenntnissen zusammen. Bisher hatten die Betriebe es nicht nötig, schwachen Jugendlichen eine Chance zu geben. Was folgte, war die übliche Hartz-IV-Tristesse. Die Mädchen gehen ein bisschen kellnern oder sonstwo jobben bis zur Hochzeit, die Jungs heuern bei Verwandten im Späti oder Gemüseladen an, und halten sich ansonsten mit Sozialtransfers über Wasser.
Wenn der öffentliche Dienst und Betriebe wie die BVG oder Vivantes jetzt 55 Ausbildungsplätze bereitstellen, bei denen sie auf den obligatorischen Einstellungstest verzichten, kann das allerdings nur ein erster Schritt sein. Angesichts Tausender nicht besetzter Ausbildungsplätze kann auch die Privatwirtschaft nicht weiter auf hohen Hürden beharren. Es wird in Zukunft immer mehr darauf ankommen, dass Betriebe nicht nur direkt in Ausbildungsplätze investieren, sondern auch das Personal bereithalten, das nötig ist, um auch jene Jugendlichen aufzufangen und einzuarbeiten, die aus den Schulen nicht das Handwerkszeug zum Leben und Weiterlernen mitbekommen haben. Etliche Betriebe haben das schon begriffen, weitere werden folgen.
Letztlich geht es ihnen auch nicht anders als den Universitäten, die ebenfalls lernen müssen, sich auf weniger qualifizierte Studienanfänger einzustellen. Auch sie wissen, was es bedeutet, wenn Schüler mit rudimentären Kenntnissen anlanden. Auch sie bieten inzwischen Vor- und Brückenkurse an, um ihre Neulinge nicht gleich wieder zu verlieren. Für alle gilt: Jede Investition in Bildung ist besser als in Hartz IV. Erst recht in den Zeiten des demografischen Wandels.

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