Politik : B.Akunin

B. Akunin

Dirk Uffelmann

Boris Akunin ist eines der intelligentesten, originellsten und irreführendsten Pseudonyme der russischen Literaturgeschichte. Erfunden hat es der Literaturwissenschaftler und Japanologe Grigorij Tschchartischwili, als er sich entschied, keine Studien mehr über „Schriftsteller und Selbstmord“ abzufassen, sondern Krimis zu schreiben. Er traf damit das postsowjetische Leseinteresse auf den Punkt. Neben Akunins Romanserie um den Detektiv und Geheimagenten Erast Fandorin erleben auch die Krimis von Alexandra Marinina und Polina Daschkowa hohe Auflagen. Wer die jüngste Ausgabe von „Literaturen“ sieht, könnte meinen, die Krimis wären der Kern des aktuellen literarischen Lebens.

Das Problem in einem Land, das gerade versucht, Demokratie zu lernen: Die Kriminalromane suggerieren, die gesellschaftliche Ordnung sei nur punktuell aus den Fugen geraten und durch die „Kräfte des Guten“ schon wieder ins Lot zu bringen. Diese Kräfte sind häufig gewesene oder amtierende Geheimdienstmitarbeiter – wie der ehemalige KGB-Offizier Wladimir Ý Putin, dem die Wähler die Geschicke Landes anvertraut haben. Dass sich einer dieser Autoren, der davon lebt, das Sicherheitsbedürfnis der Wahlbevölkerung literarisch zu befriedigen, das Pseudonym B. Akunin zulegt und damit auf den Apostel anarchistischer Zerstörung und Marx-Gegner Bakunin anspielt, ist politisch obszön.

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