''Baader Meinhof Komplex'' : Wie man den Mythos der RAF zerstört

Demnächst läuft "Baader Meinhof Komplex" an, am Dienstagabend war die offizielle Premiere auf dem roten Teppich in München. Das selbsterklärte Ziel des Films: den Mythos um die RAF zerstören. Er soll die Gewalt zeigen, ohne geschönte Dramaturgie.

Saskia Weneit
RAF
Moritz Bleibtreu und Johanna Wokalek im "Baader Meinhof Komplex". -Foto: dpa

BerlinNoch eine Woche, dann kommt er in die Kinos, der neue RAF-Film, der alles anders machen soll: "Der Baader Meinhof Komplex". Ein Teil deutscher Geschichte ist hier verfilmt worden, als Blockbuster mit Starbesetzung. Produzent und Drehbuchautor ist Bernd Eichinger ("Elementarteilchen", "Das Parfum"), Regisseur ist Uli Edel. In den Hauptrollen: Moritz Bleibtreu als Andreas Baader, Martina Gedeck spielt Ulrike Meinhof, Johanna Wokalek die Gudrun Ensslin - die Liste ist lang. Die Zerstörung des RAF-Mythos ist angekündigt. Mehr als 30 Jahre ist es her, dass die Bundesrepublik Deutschland vom "Deutsche Herbst" erschüttert wurde. Zwischen September und Oktober stand die Republik Kopf, der Terror der "Rote Armee Fraktion" drohte die BRD zu spalten.

Vorlage: Stefan Austs Standardwerk



Vorlage des Films ist das gleichnamige Buch von Stefan Aust über die RAF, dem ehemaligen Chefredakteur des Magazins "Der Spiegel". Er hat seine eigene Geschichte mit der RAF: Lange vor dem "Deutschen Herbst" arbeitete er mit Ulrike Meinhof bei dem Magazin "Konkret", er kannte ihre Kinder, stand später auf der Abschussliste der RAF. Nach seiner Einschätzung trägt der Film zur Entmystifizierung der RAF bei. Die Gruppe sei häufig als Projektionsfläche benutzt worden, sagte Aust am Dienstag im Deutschlandfunk. Für die einen sei die RAF der Staatsfeind Nummer eins gewesen, andere verklärten die Mitglieder als Revolutionäre. Der Film zeige die Personen hingegen realistisch als Leute, die sich am Rande der Studentenbewegung gefunden und "schreckliche Taten" vollbracht hätten.

Aust betonte, der Film sei zwar ein künstliches Produkt und keine Dokumentation, aber lehne sich nah an die Realität zwischen 1967 und 1977 an. Er zeige natürlich auch, was Terroristen tun: "Terror machen", sagte Aust. Aufgeräumt werde mit der Mord-"Legende", die nach dem kollektiven Selbstmord der Terroristen in Stammheim entstand, fügte der Autor hinzu.

Es ist nicht der erste Spielfilm über die Rote Armee Fraktion. In Christopher Roths "Baader" beispielsweise gipfelt der Streifen in einer Erschießung Baaders durch Polizisten - ein dramaturgischer Fehlgriff, der den ganzen Film zerstörte. Auch Volker Schlöndorff versuchte sich 2000 an dem Thema mit "Die Stille nach dem Schuss", wo es um das Exil geht, das einige der bewaffneten Linken in der DDR gefunden haben. Christian Petzolds "Die innere Sicherheit" geht um ein RAF-Paar, das noch Jahre später mit der Tochter im Untergrund lebt ohne die eigenen Taten zu thematisieren. Der Film wurde 2001 als Bester Spielfilm mit dem Deutschen Filmpreis in Gold ausgezeichnet. Schlöndorffs und Petzolds Ansatz gemeinsam: Nicht die Taten stehen im Vordergrund, sondern die Leiden der linken Gewalttäter.

Keine Glorifizierung mehr?

Doch diesmal ist alles anders. Keine Glorifizierung, ein Film, der die Taten in ihrer ganzen Grausamkeit bebildert - und die Opfer nicht auslassen will. Der Film kommt ohne hinzugedichtete Elemente aus, die Fakten liefern die Dramaturgie. Es scheint, als sei die RAF bisher nicht darstellbar, wie sie gewesen ist. Anstelle der Mythen die Realität abbilden, haben sich Aust, Edel und Eichinger zur Aufgabe gemacht.Regisseur Uli Edel befeuert jüngst die RAF-Debatte mit angeblich neuem Wissen um die Rote Armee Fraktion. Nach eigenen Aussagen weiß er, wer die Schüsse auf Schleyer abgefeuert hat - kann es aber nicht beweisen und hält daher lieber den Mund. Gewiefter PR-Clou oder Wahrheit? Das weiß nur Edel selbst.

Die Informationen habe er von den Ex-Terroristen: Mit fünf, sechs von ihnen habe er Kontakt gehabt, aber auch versprochen, ihre Namen nicht zu nennen. "Neben Klatsch, wer in der RAF mit wem schlief oder wie viele Millionen sie wirklich aus den Banken geholt hatten, erfuhr ich auch, wie die Massaker genau abliefen oder was die Staatsanwaltschaft nach 30 Jahren nicht klären konnte, etwa wer Martin Schleyer wirklich erschossen hatte", verriet der "Die Kinder vom Bahnhof Zoo"-Regisseur dem Nachrichtenmagazin "Focus". In dem neuen Streifen wird das Geheimnis aber nicht gelüftet: "Da ich es aber nicht beweisen konnte, nur diese Aussage hatte, konnten wir es nicht verwenden."

Ohne Weiteres haben seine Quellen allerdings nicht ausgepackt: Profis wie eh und je was Selbstvermarktung und Informationspolitik in eigener Sache angeht, wollten die EX-Terroristen nur gegen einen Obolus plaudern. "Sie waren sehr skeptisch. Und alle wollten bezahlt werden. Einige boten sich zudem als Berater an. Als ich das strikt ablehnte, kam es auch zu Drohungen, sie würden dann in den Medien verbreiten, was ich über sie verfilmt hätte, sei totaler Quatsch", berichtet Edel im "Focus".

Ein Oscar für das Terror-Drama?

Die RAF, ihre Köpfe der ersten Generation, avancierten zu Popikonen. Jetzt werden sie wieder bebildert, mit den Gesichtern der deutschen Schauspielgarde. Doch ein weiterer Beitrag zum Faszinosum RAF soll der Film nicht sein. "Die Mythologisierung, vor der immer alle warnen, die ist doch längst passiert. Wenn es um etwas geht, dann um die Zerstörung dieses Mythos", verteidigte sich der Regisseur. Der Blick wird auf die Brutalität und das kaltblütige Morden gelenkt, auch aus der Opferperspektive, so das Versprechen der Macher.

Bereits im Vorfeld hat das Terroristen-Drama das Prädikat besonders wertvoll bekommen. "Intelligentes Action-Kino mit wissenswertem Inhalt", begründet die Filmbewertungsstelle Wiesbaden. Das RAF-Drama geht auch für Deutschland um den Auslands-Oscar ins Rennen. Der Film setzte sich gegen die Mitbewerber "Kirschblüten - Hanami" von Doris Dörrie, "Wolke 9" von Andreas Dresen, "Die Welle" von Dennis Gansel und "Dr. Aleman" von Tom Schreiber durch. Die "großartige schauspielerische Leistung und die außergewöhnliche filmische Umsetzung der Geschichte" erlaube einen Blick auf die Zeit der frühen 70er Jahre der Bundesrepublik Deutschland, "ohne dabei die Täter zu glorifizieren", urteilte die unabhängige Fachjury, wie die German Films am Dienstag in München mitteilte. Anfang 2009 wird sich entscheiden, ob der Film für den Oscar nominiert wird.

Der Film startet am 25. September in den deutschen Kinos und wurde bereits "weltweit in die wichtigsten Territorien verkauft".

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben