Politik : Babys in die Betriebe

Wird der Nachwuchs am Arbeitsplatz betreut, nutzt dies den Unternehmen – die Familienministerin will das unterstützen

Simone von Stosch

Sollte das Bündnis für Arbeit tatsächlich scheitern, dann wird Renate Schmidt aktiv. Die Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend will mit Gewerkschaften und Wirtschaft über Wege zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie verhandeln – am liebsten innerhalb des Bündnisses für Arbeit. Zur Not aber auch in eigenen Gesprächsrunden. Hintergrund ist die immer niedrigere Geburtenrate in Deutschland. Deren Hauptursache sei ein oft familienfeindliches Klima in Gesellschaft und Betrieben. Renate Schmidt will die Wirtschaft dazu bringen, etwas für die Familien zu tun: Dazu gehören nach Ansicht der Familienministerin vor allem flexible Arbeitszeiten sowie betrieblich geförderte Kinderbetreuungsplätze und Tagesmütter.

Über eine neue Unternehmenskultur für Familien diskutieren heute in Berlin Vertreter der Industrie – unter ihnen Bertelsmann-Chefin Liz Mohn, Horst Neumann von Audi und Norbert Bensel von der Deutschen Bahn AG – mit Ministerin Renate Schmidt. Initiiert wurde die Veranstaltung von der Wirtschaft selbst: der Unternehmensinitiative „Econsense – Forum nachhaltige Entwicklung“. Viele Unternehmen zeigen sich inzwischen aufgeschlossen, denn auch sie profitieren von familienfreundlichen Modellen. So haben die Betriebe, die freiwillig in zusätzliche Kinderbetreuungen am Arbeitsplatz investierten und ihren Mitarbeitern flexiblere Arbeitszeiten gestatten, eine wesentlich niedrigere Krankenrate als im bundesweiten Durchschnitt. Das Engagement der Arbeitnehmer in der Firma stieg, das betriebliche Klima verbesserte sich.

Der betriebswirtschaftliche Nutzen solcher Angebote soll jetzt in einer umfassenden Studie belegt werden. Wie in den vergangenen Jahren will das Familienministerium auch 2003 besonders familienfreundliche Betriebe auszeichnen.

Allerdings steht Deutschland bei Teilzeit und Jobsharing im europäischen Vergleich noch immer nicht gut da. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 arbeiteten in den Niederlanden 41,2 Prozent aller Arbeitnehmer in Teilzeit, in der Schweiz waren es mehr als 30 Prozent, in Deutschland dagegen nur 19,4 Prozent. Bei teilzeitbeschäftigten Männern sind die Unterschiede noch größer. In den Niederlanden entschied sich fast jeder fünfte Familienvater für eine Teilzeitbeschäftigung, um mehr Zeit für die Familie zu haben. In Deutschland waren es gerade mal fünf Prozent.

Zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie setzt Renate Schmidt auch auf verbindliche Regelungen mit den Kommunen. So sollen die durch die Zusammenlegung von Sozial- und Arbeitslosenhilfe frei werdenden Mittel in Höhe von 1,3 bis 1,5 Milliarden Euro in den Ausbau von Kindertagesstätten und Krippenplätzen investiert werden.

Eine familienfreundlichere Gesellschaft entsteht nach Ansicht von Renate Schmidt jedoch nicht nur durch bessere Betreuungsangebote. Mehr Zeit füreinander zu haben – das sei entscheidend für das Gelingen von Familie. Die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dabei könnten die Unternehmen helfen – zu ihrem eigenen Nutzen.

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