Politik : „Bagdad ist gefallen“

Jubel für US-Soldaten / Iraks UN-Botschafter gesteht Niederlage ein / Cheney: Krieg ist noch nicht vorbei

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Bagdad (Tsp). Am Ende der dritten Kriegswoche hat das Regime von Saddam Hussein im Irak offenbar die Herrschaft verloren. USSoldaten übernahmen am Mittwoch in Bagdads Zentrum die Kontrolle über das Regierungsviertel und den Präsidentenpalast. Die irakische Armee sei in Bagdad geschlagen, und die Alliierten kontrollierten den größten Teil der Stadt, sagte der Kommandeur der 3. US-Infanteriedivision, Buford Blount. Der Reuters-Korrespondent Khaled Yacoub Oweis, der die Szenen in der irakischen Hauptstadt beobachtete, sagte: „Bagdad ist gefallen.“ Die US-Truppen wurden von der Bevölkerung überwiegend mit Jubel empfangen.

Der irakische UN-Botschafter Mohammed Al Douri räumte am Mittwochabend die militärische Niederlage seines Landes gegen die von den USA geführten alliierten Truppen ein. „Das Spiel ist aus“, sagte er in New York. Er äußerte die Hoffnung, dass das irakische Volk in Zukunft in Frieden leben könne.

Besonders gefeiert wurden die US-Soldaten im Armenviertel „Saddam City“ der Stadt. Dort leben viele Schiiten, die von Saddam unterdrückt wurden. Widerstand gebe es noch, aber nur noch von Milizen der Fedajin-Truppe und der Baath-Partei, sagte Kommandeur Blount. Die Menschen in Bagdad wüssten nun, dass „das Regime erledigt ist und nie mehr in dieser Form“ wiederkehren werde, sagte der Sprecher des US-Zentralkommandos, Vincent Brooks, in Katar.

Zahlreiche Einwohner der Hauptstadt ließen ihre Wut an den Symbolen der Macht von Präsident Saddam aus. Sie zerstörten und beschädigten mehrere der überall in der Stadt aufgestellten Bilder und Statuen des Präsidenten. Vor dem „Palestine“-Hotel rissen sie eine überlebensgroße Saddam-Statue aus Bronze mit Hilfe von US-Soldaten herab. Wie auch in Basra gab es in den Vororten Plünderungen. Zudem wurde über Racheakte unter Irakern berichtet.

Trotz der Einnahme weiter Teile Bagdads zeichnete sich keine Verbesserung der katastrophalen Lage in den Krankenhäusern ab. Die Weltgesundheitsorganisation WHO sprach in Genf von völlig überlastetem Personal und schlechter Versorgung. Wie viele Einwohner seit dem ersten US-Vorstoß vom Samstag ums Leben gekommen sind, ist unbekannt. Wegen der unübersichtlichen Situation stoppte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) seine Einsätze in Bagdad. Das IKRK bestätigte unterdessen in Genf, dass der seit Dienstagabend vermisste kanadische IKRK-Delegierte tot ist. Der Kanadier war schwer verletzt worden, als ein Hilfskonvoi des IKRK beschossen wurde.

Ob US-Präsident George W. Bush den Fall der Saddam-Statue live im Fernsehen verfolgte, blieb unklar. Nach den Worten seines Sprechers Ari Fleischer lautete der Kommentar des Präsidenten später: „Sie haben es gestürzt.“ Laut Fleischer warnte Bush vor noch bevorstehenden großen Gefahren im Irak-Krieg. „So sehr der Präsident auch über die militärischen Fortschritte (im Irak) erfreut ist, (…) so bleibt er doch sehr vorsichtig, da er weiß, dass noch große Gefahr bevorstehen kann“, sagte Fleischer in Washington.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld verglich die Szenen jubelnder Iraker mit dem Fall der Berliner Mauer. Rumsfeld sagte, die Bilder feiernder Iraker, die auf US-Panzern mitführen und Statuen des Staatschefs niederrissen, seien „atemberaubend“. „Saddam Hussein nimmt jetzt seinen rechtmäßigen Platz neben Hitler, Stalin, Lenin und Ceausescu im Pantheon der gescheiterten brutalen Diktatoren ein“, sagte Rumsfeld.

US-Vizepräsident Dick Cheney warnte vor weiterhin „schwierigen Kämpfen“. Trotz des Zusammenbruchs müsse damit gerechnet werden, sagte Cheney in New Orleans. Irakische Truppen, die Saddam treu ergeben seien, kontrollierten noch immer mehrere Städte im Norden des Irak. Mit Saddam Husseins Heimatstadt Tikrit nahmen die US-geführten Streitkräfte die stärkste Bastion Saddams unter Beschuss. Auch die Kämpfe um Mosul und Kirkuk gingen weiter.

Unklar blieb das Schicksal Saddams. Während das Pentagon den Angriff auf ein Restaurant, in dem er sich aufgehalten haben soll, als „sehr, sehr effektiv“ bezeichnete, hielten britische Geheimdienste einen Erfolg der Aktion für unwahrscheinlich. Saddam sei dem Anschlag vermutlich um Minuten entkommen, berichtete der Sender BBC unter Berufung auf Geheimdienstquellen. Der irakische UN-Botschafter Al Douri betonte, Saddam sei noch am Leben. Er räumte aber ein, er selbst habe keinen direkten Kontakt mehr zur irakischen Regierung.

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) begrüßte den Vormarsch der Truppen der USA und Großbritanniens in Bagdad. Der baldige Sieg der Alliierten werde erhofft und sei erwünscht. Jeder Tag, an dem der Krieg früher zu Ende gehe, sei ein „besserer Tag“. Es müsse alles getan werden, um rasch Stabilität in der Region zu erzielen. Dabei müsse das irakische Volk über seine Zukunft selbst entscheiden, betonte der Kanzler.

Die Außenminister Großbritanniens und Frankreichs, Jack Straw und Dominique de Villepin, verständigten sich auf eine zentrale Rolle der UN beim Wiederaufbau des Irak. Straw erklärte nach einem Treffen am Mittwoch in Paris, die Alliierten wünschten sich eine demokratische Regierung im Irak. Die Truppen müssten jedoch im Land bleiben, um Sicherheit und Stabilität herzustellen.

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