• Bald überall "ostdeutsche Verhältnisse"? Katholische Kirche rechnet auch in den alten Bundesländern mit weiterem Bedeutungsverlust

Politik : Bald überall "ostdeutsche Verhältnisse"? Katholische Kirche rechnet auch in den alten Bundesländern mit weiterem Bedeutungsverlust

Martin Gehlen

Die katholische Kirche stellt sich auf den Verlust ihrer traditionellen Bedeutung in ganz Deutschland ein. Die Erfahrung in den neuen Bundesländern, wo sich kirchliche Milieus auflösten und Christen nur noch eine extreme Minderheit seien, vermittele eine Vorahnung, "was für die pastorale und seelsorgliche Zukunft in ganz Deutschland zu erwarten ist", sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Karl Lehmann, am Mittwoch in Berlin. Anlass war die Vorstellung des Buches "Wiedervereinigte Seelsorge - Die Herausforderung der katholischen Kirche in Deutschland".

Die Kirche dürfe sich mit der "Erosion der religiösen Überzeugung nicht abfinden", sagte der Bischof. Stattdessen müsse sie sich "in die Lebensorte und Milieus hineinwagen, in denen die Menschen heute leben". Keinesfalls dürfe man sich mit der Klage über den Verlust der kirchlichen Milieus begnügen.

Die schwierige Situation der katholischen Kirche in den neuen Bundesländern, der etwa 900 000 Menschen angehören, ist nach Worten Lehmanns nach der Wende kaum besser geworden. Sie sei nun zwar nicht mehr politisch unterdrückt, müsste sich nun aber "in einem zunehmend pluralen Gesellschaftssystem einbringen".

Rückblickend räumte der Mainzer Bischof ein, die Kirchen seien zur DDR-Zeit zwar Orte gewesen, "an denen der Widerspruch und die Freiheitssehnsucht formuliert werden konnten". Die Erwartung jedoch, dass "das Geschenk der Einheit unseres Volkes und die neu gewonnene Freiheit bereits hinreichend Ursache für einen Aufbruch im Glauben ist", habe zu kurz gegriffen.

Im Osten trüge der rasante Modernisierungsschub durch die westliche Gesellschaftsordnung zur Distanzierung vom Christentum bei, ergänzte der Erfurter Bischof Joachim Wanke. Insgesamt spiele die katholische Kirche in den neuen Ländern nur eine Randrolle, sagte Wanke. "Ein Katholik im Osten war und ist ein Zugezogener, ein Fremder, ein Nicht-dazu-Gehöriger." Lehmann nannte das Beispiel Wittenbergs, wo 850 Jugendliche an der nicht-kirchlichen Jugendweihe teilgenommen hätten und 60 Jugendliche an der evangelischen Konfirmation. Die Zahl der Teilnehmer an der katholischen Firmung sei erst gar nicht genannt worden.

Dennoch zeige die Auseinandersetzung mit der Jugendweihe, dass sich die Kirchen auch bemühen müssten, das "sittliche Handeln der Menschen nicht in einem Alltagspragmatismus versinken zu lassen". Die Kirche bleibe wichtiger Ansprechpartner in den Fragen nach Leben und Tod, nach dem Umgang mit dem Anfang und Ende des menschlichen Lebens und nach den Grundorientierungen, die die Lebensgestaltung der Menschen beeinflussen. Die Christen müssten neu lernen, "religiös auskunftsfähig zu werden, und zwar in einer Sprache, die von den Menschen verstanden wird", sagte Bischof Wanke.

Der Atheismus in Ostdeutschland sei auch durch "eine oberflächliche kirchliche Verkündigung" verursacht. Die Kirchen müssten jedoch auch die Angst vieler Ostdeutscher vor Vereinnahmung berücksichtigen, der durch die Erfahrung jahrzehntelanger Diktatur besonders stark sei. Wanke begrüßte zugleich die neuen Möglichkeiten der Christen nach der Wende, die Gesellschaft mitzugestalten. Veranstaltungen der Kirchen würden auch von anderen Institutionen wie Gewerkschaften angenommen, um einen Dialog über gesellschaftliche Fragen zu führen.

Lehmann nannte die Kirche im Osten einen "Freilandversuch im scharfen Gegenwind gegenwärtiger Entwicklungen". Die zunehmende Konfessionslosigkeit, die Deutung eines Lebens ohne Gott, verlangten für die gesamte Kirche in Deutschland eine neue Anstrengung. Die Erfahrungen der Kirche im Osten Deutschlands werde bald schon auf ganz Deutschland anwendbar sein. Der Bischof verwies darauf, dass die Kirche auch in den alten Ländern nach neuen Allianzen jenseits der Gottesdienste suche, beispielsweise mit Spitzensportlern, die viele junge Leute anzögen. "Da gibt es auch Zugewinn", sagte Lehmann. "Das ist ein zartes Pflänzlein, das muss man fördern."

Bundesweit gab es nach der amtlichen Statistik 1997 noch 27,4 Millionen Katholiken und etwa ebenso viele evangelische Christen, jeweils etwa ein Drittel der Bevölkerung.

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