Politik : Balkan: Geisterdorf mit Waffenlager

Stephan Israel

Die Männer mit den schwarzen Tarnkappen posieren auf dem Radpanzer der mazedonischen Sonderpolizei für die Fotografen. Die Botschaft, die an diesem warmen Frühlingstag vermittelt werden soll, ist eindeutig: An der Front im Norden Mazedoniens gehen die Kämpfe zwar weiter, doch hier, im Westen des Landes, soll ein Sieg gebührend gewürdigt werden. Bereitwillig führt ein Mann vom mazedonischen Innenministerium die Journalistenschar durch die engen Gassen von Selce, dem Dorf am steilen Berg hinter Tetovo. So sieht die Hochburg der albanischen "Nationalen Befreiungsarmee" (UCK) also aus: Schon vor der Einfahrt waren die Schützengräben zu begutachten. Ob sie benutzt wurden ist fraglich, denn Patronenhülsen sind weit und breit nicht zu sehen. Drei frische Gräber auf dem Friedhof deuten allerdings darauf hin, dass es Opfer gab im Kampf mit den mazedonischen Regierungseinheiten unten im Tal. Der Mann vom Innenministerium lässt keine Station aus, und die Männer der Sonderpolizei sorgen dafür, dass niemand vom Weg abkommt: In einem der Höfe kriegen die Journalisten ein reichhaltiges Munitionslager, unter anderem mit Granaten aus jugoslawischer und chinesischer Produktion, zu sehen. Mehrere Dutzend zu einem Berg aufgeschichtete Armeeschlafsäcke sind dafür eindeutig schweizerischer Herkunft. Im Feldlazarett mangelt es nicht an Medikamenten, und blutiges Verbandsmaterial füllt einen großen Müllsack. In der improvisierten Feldküche steht das Essen noch auf dem Holzofen, und auch den Kommandoraum haben die Männer der UCK offenbar fluchtartig verlassen. Doch was ist mit den Zivilisten, den Bewohnern des 3000-Seelen-Dorfes, geschehen? Das knappe Dutzend, das zurückgeblieben ist, lagert im Garten vor der Moschee. Es sind die Kranken und Betagten aus dem Dorf, die in sich versunken und mit Tränen in den Augen auf erste Hilfe warten.

Im Tross der Journalisten und stolzen Vertreter des Innenministeriums fällt ein schweigsamer Mann im grauen Anzug auf. Es ist Rauf Ramadani, Albaner und Polizeichef unten in Tetovo. Der Mann vom Innenministerium aus Skopje wollte ihn dabeihaben. Der Polizeichef sollte sich wohl ein Bild davon machen, was seine Landsleute so anstellen. Rauf Ramadani spricht am Rande des Besichtigungsgangs durch Selce, der gestürmten Hochburg der Rebellen, von seinem schwierigen Job in Tetovo. Der Druck auf ihn muss von überall her kommen. Einerseits von der Zentrale in Skopje, die ihm als Vorzeigealbaner Loyalität abnötigt, andererseits von der eigenen Volksgruppe unten in der Stadt. Aber Rauf Ramadani ist eine Art "General ohne Soldaten", denn obwohl die Albaner in Tetovo bei weitem die Mehrheit der Bevölkerung stellen, sind nur fünf Prozent der Polizisten in der Stadt Albaner.

Seit Krieg herrscht im Hinterland von Tetovo hat ohnehin das Innenministerium in Skopje die Regie übernommen, und Rauf Ramadani bleibt nur noch die Rolle des Statisten. Er spricht von "psychischer Vergewaltigung", und genötigt muss er sich auch bei der Besichtung von Selce fühlen. Rauf Ramadani redet von Rücktritt und der Rückkehr in die Schweiz, wo er acht Jahre lang, bis 1997, gelebt hat. Da hat er zuerst in Bern beim Lebensmittelverteiler Denner und später bei der Zürcher Kantonspolizei gearbeitet. Im schwierigen Amt in der Heimat hat der Polizeichef bisher nur ausgeharrt, damit die Kämpfe nicht auf Tetovo übergreifen und die Albaner der Stadt nicht geschlossen zur UCK überlaufen. Was der albanische Polizeichef von Tetovo auf dem Gang durch Selce sieht, will er nicht kommentieren. Noch hofft Rauf Ramadani, dass das Schlimmste vermieden werden kann und der Dialog zwischen den Volksgruppen in Gang kommt.

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