• Balkan-Konflikt: Land gegen Frieden? - Der frühere Bosnien-Beauftragte Lord Owen fordert neue Grenzen auf dem Balkan - zum Ärger von UN-Diplomaten

Politik : Balkan-Konflikt: Land gegen Frieden? - Der frühere Bosnien-Beauftragte Lord Owen fordert neue Grenzen auf dem Balkan - zum Ärger von UN-Diplomaten

Paul Taylor

In Westeuropa ist angesichts der Kämpfe zwischen albanischen Separatisten und mazedonischen Sicherheitskräften eine Diskussion um die Ziehung neuer Grenzen auf dem Balkan aufgeflammt. Der Balkan-Gesandte der UN, Carl Bildt, kritisierte die Vorschläge von Lord David Owen, der kürzlich unter anderem ein unabhängiges Kosovo angeregt hatte. Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) hat unterdessen betont, eine gewaltsame Änderung der Grenzen auf dem Balkan werde nicht hingenommen.

Owen, ehemaliger Staatssekretär im britischen Außenministerium und Bosnien-Beauftragter der EU, hatte in einem Artikel im "Wall Street Journal" eine Neuauflage des Berliner Kongresses von 1878 gefordert. Bei der damaligen Zusammenkunft der europäischen Großmächte unter der Leitung des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck wurde unter anderem die Unabhängigkeit Rumäniens, Bulgariens, Serbiens und Montenegros bestätigt; Österreich erhielt außerdem das Mandat zur Besetzung Bosniens und der Herzegowina.

Nach Aussagen von Owen wird die Friedensmission der Nato zunehmend unmöglich. US-Präsident George W. Bush solle überdenken, ob das Kosovo gegen den Willen seiner weitgehend albanischen Einwohner zum Verbleib bei Jugoslawien gezwungen werden könne. Mit Blick auf die Wahl zwischen ständigem Kampf und Unabhängigkeit und einem sicheren Frieden solle sich der Westen für die zweite Option entscheiden.

Die Albaner im Kosovo fordern die Unabhängigkeit der südserbischen Provinz von Jugoslawien. Sie stellen im Kosovo die Mehrheit und im angrenzenden Mazedonien etwa ein Drittel der Bevölkerung. Die mazedonische Regierung befürchtet, dass der Unabhängigkeitskampf im jugoslawischen Presevo-Tal in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kosovo nun auch die Unterstützung unter Albanern in Mazedonien finden könnte.

Owen plädierte außerdem für den Anschluss der bosnischen Serbenrepublik an Serbien als Gegenleistung für die Unabhängigkeit Montenegros. Serbien und Montenegro bilden die Bundesrepublik Jugoslawien. Für Mazedonien, wo Albaner etwa ein Drittel der Bevölkerung stellen, sehe er aber keine geographische Lösung. Er forderte stattdessen die EU zu mehr wirtschaftlicher, politischer und militärischer Hilfe auf.

Eine Neuordnung der Grenzen würde eine zweite Welle der Instabilität auslösen, sagte Bildt. "Das ist der Gipfel der Verantwortungslosigkeit", ergänzte ein hochrangiger EU-Diplomat. Allein die Diskussion um dieses Thema könne radikale albanische und mazedonische Kräfte ermutigen und die Bemühungen zur Schaffung eines Vielvölkerstaates in Bosnien-Herzegowina erschweren. Bei einer Unabhängigkeit des Kosovo und Montenegros werde die bosnische Serbenrepublik sich umgehend Serbien anschließen wollen, prognostizierten Diplomaten. Bosnisch-kroatische Nationalisten versuchten bereits eine möglichst große Unabhängigkeit in den von ihnen kontrollierten Gebieten durchzusetzen. Damit solle das Abkommen von Dayton unterlaufen werden, mit dem der Bosnien-Krieg 1995 beendet worden war. Nach Meinung von westlichen Diplomaten haben außenstehende Staaten kein Recht, neue Grenzen auf dem Balkan zu ziehen.

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