Politik : Balkan-Krise: In der Hand von Schwarzhemden

Stephan Israel

Die Männer in den schwarzen Uniformen hätten sich keinen besseren Ort für ihren teuflischen Plan aussuchen können. Tanusevc liegt dort, wo sich normalerweise Füchse und Hasen gute Nacht sagen. Mit der Ruhe ist es im Bergdorf an der mazedonischen Grenze zwar schon länger vorbei. Spätestens während des Krieges im Kosovo begann dort der Schmuggel zu blühen. Die Bewohner des serbischen Dorfes Pobozje, auf halben Weg von Mazedoniens Hauptstadt Skopje Richtung Grenze, können das bezeugen. Sie berichten vom regen nächtlichen Verkehr über die enge Dorfstraße hinauf auf den Berg und wieder zurück. Doch Schmugglerdörfer gibt es viele, und Tanusevc bereitete niemandem Kopfzerbrechen.

Das änderte sich erst, als die Männer in den schwarzen Uniformen das Dorf besetzten. Ein erstes Mal machten sie sich einer breiteren Öffentlichkeit bemerkbar, als sie ein mazedonisches Fernsehteam ausraubten. Wohlgemerkt, Tanusevc liegt an der Grenze, aber klar auf der mazedonischen Seite. Die Protagonisten in der schwarzen Kleidung sind Albaner.

"Das sind Leute, die unser Land destabilisieren wollen", wissen die Bewohner des Nachbardorfes Pobozje. Und im gleichen Atemzug fügen sie hinzu: "Das sind nicht unsere Albaner". Die Einwohner von Pobozje wollen damit andeuten, dass die bewaffneten Männer aus dem Kosovo herübergekommen sind. Niemand weiß das zwar so ganz genau. Die Präzisierung ist aber vorerst nicht ganz unwichtig, denn Mazedonien ist ein Vielvölkerstaat, wo die slawische Mehrheit der starken albanischen Minderheit traditionell misstrauisch gegenüber steht.

Dass sich das Verhältnis zwischen den beiden Volksgruppen in letzter Zeit verbessert hat, verdankt der junge Staat vor allem einem Mann: Arben Xhaferi, Chef der größten Albanerpartei DPA und selbst einst Wortführer für radikalere Lösungen, setzt heute ganz auf den Marsch durch die Institutionen. Es sei sehr einfach, ein paar Schüsse abzugeben und viel langwieriger, sich für die Rechte der Albaner in den Institutionen einzusetzen, sagt der Politiker heute, weise geworden.

"Jemand will in einem verlorenen Dorf in den Bergen ein Problem schaffen", wundert sich Arben Xhaferi nur. Er will nicht genau wissen, wer hinter den Schwarzhemden im kleinen Dorf Tanusevc steckt. Er sieht die Aktivitäten an der Grenze jedoch als direkten Angriff auf die politischen Parteien der Albaner und deren Errungenschaften. Immerhin haben die Vertreter der Minderheit beim langjährigen Kampf für eine albanischsprachige Universität erst vor kurzem einen wichtigen Durchbruch erreicht.

Welches zynische Kalkül treibt die Schwarzhemden von Tanusevc? In der direkten Konfrontation mit Mazedoniens Armee und Polizei haben die Rebellen zwar keine Chance. Nach der Schlacht würde aber immerhin eine genügend große Zahl an Märtyrern zurückbleiben, um den Kampf weiter nach Mazedonien hineintragen und die albanische Minderheit dort radikalisieren zu können.

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