Politik : Balkan-Krise: Kampf gegen den unbekannten Feind

Stephan Israel

Die einen sitzen oben auf dem Berg in gut geschützten Stellungen, während die anderen von unten aus dem Tal gegen einen unsichtbaren Feind kämpfen müssen: In Mazedonien stehen sich zwei sehr unterschiedliche Konfliktparteien gegenüber. Für die eine Konfliktpartei gibt es viele Bezeichnungen, aber wenig Informationen. Die Regierung in Skopje bezeichnet die Schützen auf dem Berg über Tetovo abwechselnd als "Terroristen", "Extremisten" oder manchmal auch als "paramilitärische Gruppen". Die letzten zwei Varianten verwendet die slawisch dominierte Regierung aus Rücksicht auf den albanischen Juniorpartner. Die bewaffnete Gruppe auf dem Berg nennt sich selbst albanische "Nationale Befreiungsarmee" (UCK). Das identische Kürzel mit der "Kosovo-Befreiungsarmee" hat nicht dieselbe Bedeutung: In Mazedonien steht "K" für das albanische "Kombetar", was soviel wie "national" bedeutet.

Noch ist die mazedonische UCK geheimnisumwittert. Sie hat sich in vier nummerierten "Kommuniques" im Stil terroristischer Gruppen in Westeuropa an "alle Albaner" gerichtet. Ein erstes Mal im Januar nach einem Anschlag auf eine Polizeistation, bei dem ein mazedonischer Beamter starb. Zuletzt mit einem Aufruf zur Mobilisierung. Ein Kommandant mit dem Kriegsnamen "Sokoli", was soviel wie Falke heißt, tritt inzwischen als Sprecher auf. Die UCK-Führung bezeichnete vor wenigen Tagen zudem Ali Ahmeti als politischen Vertreter für Verhandlungen mit der Regierung in Skopje. Ahmeti stammt selbst aus Mazedonien, saß im alten Jugoslawien im Gefängnis, war bereits "Befreiungskämpfer" im Kosovo und soll angeblich seit 20 Jahren seinen Wohnsitz in der Schweiz haben.

Die Angaben über die Stärke der UCK gehen weit auseinander: Bei dem deutschen Logistikregiment der Kosovo-Friedenstruppe (Kfor) in Tetovo spricht man von einer Truppe mit lokal beschränktem Aktionsradius und einer Stärke von höchstens 200 Mann. Die UCK behauptet von sich selbst, mit 4000 Mann in ganz Mazedonien vertreten zu sein und jederzeit aktiv werden zu können. Die im Westen verpönte Forderung nach "Großalbanien" kommt in den UCK-Mitteilungen in gestelzter Sprache zwar nicht vor. Die selbsternannten "Befreiungskämpfer" fordern jedoch die Umwandlung Mazedoniens in eine Föderation zweier konstituierender Völker.

Auf der Regierungsseite waren anfänglich ausschließlich die Polizeikräfte im Kampf gegen die Extremisten involviert. Die Sondereinheiten der Polizei verfügen aber auch über paramilitärische Ausrüstung wie Radpanzer, Maschinengewehre bis zu kleinen Mörsern. Am Wochenende hat der nationale Verteidigungsrat die Bahn für den Einsatz der Armee freigemacht, die bisher auf die Verteidigung in einem schmalen Grenzstreifen beschränkt war.

Im Kampf gegen die albanischen Rebellen hat sich die mazedonische Regierung bisher vor allem auf Polizei und Eliteeinheiten verlassen. Das führte zu Spekulationen über die Kampfbereitschaft der Wehrpflichtigenarmee und die Loyalität albanischstämmiger Soldaten. Rund zwei Drittel der Mazedonier gehören der südslawischen Bevölkerungsgruppe an, knapp ein Viertel sind Albaner, die sich als Bürger zweiter Klasse fühlen.

"Der Boden, auf dem wir stehen, bleibt Mazedonien", sagt der 30-jährige Marjance. "Eine andere Heimat haben wir nicht, und niemand wird uns diese wegnehmen", ergänzt der Polizist, ein Mitglied der bei Tetovo stationierten Anti-Terroreinheit. Für Marjance steht fest: Er ist hier, um die erst ein Jahrzehnt alte Demokratie in Mazedonien zu verteidigen. Schließlich habe alles gut funktioniert, bis die "Banden aus dem Kosovo" eingefallen seien.

Am Montag erreichten die ersten vier Panzer Tetovo. In einem abgeriegelten Fußballstadion soll die Armee schon Ende vergangener Woche Artillerie in Stellung gebracht haben, um die Rebellenpositionen am Berg über Tetovo beschießen zu können. Die mazedonische Polizei und Streitkräfte sind für den Kampf gegen die Guerillatruppe schlecht gerüstet. Das Material ist veraltet und die Einsatzdoktrin ist noch vom Denken der kommunistischen Ära geprägt. Inklusive Reservisten, mit deren Mobilisierung begonnen wurde, verfügt die Armee des Kleinstaates über knapp 20 000 Mann.

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