Balkan : Schutz und Wärme

Europa diskutiert über den sprunghaften Anstieg der Asylbewerber aus Serbien und Mazedonien. Es sind vor allem Roma die kommen, denn die Lebensbedingungen auf dem Balkan sind schlecht.

Adelheid Wölfl
Eine Roma-Siedlung in Belgrad. Im Winter sind hier viele ohne Heizung.
Eine Roma-Siedlung in Belgrad. Im Winter sind hier viele ohne Heizung.Foto: picture alliance / dpa

Zagreb - Im Winter hängt in Šutka nicht nur der nasse Nebel über den Hütten, sondern auch der Rauch und Gestank des verbrannten Mülls, mit dem hier manche heizen. Im Roma-Viertel der mazedonischen Hauptstadt Skopje, dem größten Roma-Viertel Europas, leben zwischen 30 000 und 40 000 Menschen, manche in gemauerten Häusern, manche in Verschlägen aus Brettern und Blech. Der Winter in Šutka kann kalt werden, wer keine Heizung und keinen Strom hat, droht krank zu werden. Jedes Jahr im Herbst suchen die Menschen aus Šutka oder ähnlichen Roma-Vierteln auf dem Balkan deshalb Schutz und Wärme.

Tatsächlich sind die Roma in ganz Osteuropa seit zwei Jahrzehnten die großen Verlierer der Umstellung zur Marktwirtschaft. Nach dem Zusammenbruch der staatlichen Betriebe waren sie die Ersten, die ihre Jobs verloren. Sie stehen am untersten Ende des sozialen Gefüges, und bei einer Arbeitslosigkeit von 23,4 Prozent in Serbien und 31,4 Prozent in Mazedonien bedeutet dies, täglich den Existenzkampf aufzunehmen.

Von ihren Heimatländern fühlen sich die Roma im Stich gelassen. Das fällt nun auf die dortigen Regierungen zurück, denn nicht nur in Deutschland wird der Ruf nach einer Aufhebung der Visafreiheit für Serbien und Mazedonien laut. Ein Sprecher von EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström sagte am Montag, sechs EU-Staaten hätten sich in Brüssel beschwert. Die EU-Innenminister sollen über das Thema nun bei ihrem Treffen am 25. Oktober beraten, denn eine Entscheidung über eine Klausel, mit der die Visafreiheit kurzfristig suspendiert werden kann, hängt derzeit im EU-Gesetzgebungsprozess zwischen Rat und Europäischem Parlament fest.

Insgesamt ragt Deutschland im europäischen Vergleich als Zielland nicht heraus. Betrachtet man die Eurostat-Zahlen, so liegt Luxemburg (1065 Asylbewerber pro einer Million Einwohner) auf Platz eins, Deutschland rangiert im ersten Quartal 2012 mit großem Abstand auf Platz neun – mit 175 Asylbewerbern pro einer Million Einwohner.

Für die Roma zeichnet sich möglicherweise ohnehin eine Lösung ab. „Wir werden für diese 10 000 Asylanten in ganz Europa die Kosten zahlen, denn das wäre ein geringerer Schaden für Serbien als die Abschaffung der Visumsfreiheit“, zitierte die Belgrader Agentur Beta Regierungschef Ivica Dacic. Die politisch Verantwortlichen könnten es sich nicht leisten, dass die Visumspflicht wieder eingeführt wird, erklärt Tobias Flessenkemper von der deutschen Südosteuropa-Gesellschaft. Adelheid Wölfl

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