Politik : "Balkan-Syndrom": Eine Frage des Abstands

Albrecht Meier

"Es gibt keinen deutschen Fall." Diese Mitteilung, mit der das Verteidigungsministerium am Freitag dem "Balkan-Syndrom" beikommen wollte, hat leider einen Haken: Sie gibt nur bedingt Auskunft darüber, ob deutsche Soldaten beim Einsatz auf dem Balkan mit abgereichertem Uran aus US-Munition in Berührung kamen und dabei möglicherweise gesundheitliche Schäden davontrugen. Das Verteidigungsministerium stützt ihr Wissen auf eine Studie des GSF-Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit (siehe nebenstehender Bericht). Im Auftrag des Ministeriums wurden allerdings nur Bundeswehr-Soldaten untersucht, die sich ab 1999 im Kosovo-Einsatz befanden. Bislang gibt es aber keine systematische Untersuchung der Soldaten, die ab 1997 am SFOR-Einsatz in Bosnien teilnahmen.

Nach den Angaben eines Sprechers des Verteidigungsministeriums wurden auch nach dem Bosnien-Einsatz möglicherweise gefährdete Soldaten "angemessenen Untersuchungen" unterzogen. Auch dabei habe es keine Hinweise auf das "Balkan-Syndrom" gegeben, das nach Krebs- und Leukämieerkrankungen von Soldaten in Italien, Spanien, den Niederlanden, Belgien und Portugal zum Thema geworden ist. Otfried Nassauer, der Leiter des Berliner Informationszentrums für Transatlantische Sicherheit, verlangt dagegen, in die Untersuchungen auch die ersten in Bosnien stationierten Bundeswehr-Pioniere, mit der Munitionsräumung beauftragte Soldaten und das in der Umgebung von Sarajevo stationierte Bundeswehr-Kontingent einzubeziehen. Eine solche Untersuchung könnte aufgrund des größeren zeitlichen Abstandes aufschlussreicher sein als die jetzt vorliegenden Tests nach dem erst seit eineinhalb Jahren laufenden Kosovo-Einsatz, glaubt Nassauer. "Die Bundeswehr wusste in den Jahren 1994 und 1995 genau, wo die amerikanischen A 10-Kampfbomber rund um Sarajevo eingesetzt wurden," sagt er.

Die auch als "Warzenschweine" bekannten amerikanischen A 10-Kampfbomber, die in den achtziger Jahren in bundesdeutschen Tieffluggebieten im Übungsflug eingesetzt wurden, sind die Hauptquelle der Anti-Panzer-Munition aus abgereichertem Uran. Aber auch in US-Abstands- und Marschflugkörpern wird das schwere Material nach den Angaben des Berliner Informationszentrums für Transatlantische Sicherheit als Gegengewicht eingesetzt. Panzer der britischen und US-Truppen sind ebenfalls mit uranhaltigen Geschossen munitioniert. Nach den Angaben des Londoner Institutes für strategische Studien verfügt die britische Luftwaffe über keine Uran-Munition.

Aber nicht nur das Militär setzt abgereichertes Uran ein. Im zivilen Flugzeugbau - etwa in der Boeing 747 - wird abgereichertes Uran ebenfalls als Material verwendet.

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