Barack Obama : Die neuen Sorgenfalten

Erschöpft und aufgedreht zugleich. Barack Obama feiert in Chicago seinen 50. Geburtstag. Bad in der Menge, Show auf der Bühne – es ist alles so wie früher. Beinahe. Denn jeder kann sehen: Er hat ein paar Dellen abbekommen.

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Barack Obama wird 50. Am Vorabend seines Geburtstags ließ sich der Präsident noch einmal von seinen Fans feiern. Es gab eine große Gala im historischen Aragon Ballroom in Obamas Heimatstadt Chicago.Alle Bilder anzeigen
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04.08.2011 10:52Barack Obama wird 50. Am Vorabend seines Geburtstags ließ sich der Präsident noch einmal von seinen Fans feiern. Es gab eine große...

Der Präsident kommt, man kann es hören. Schon vor Tagen knatterten über dem Ufer des Lake Michigan die Propeller. Ein Übungsmanöver. Jetzt dröhnt es wieder. Es ist Mittwoch, kurz nach halb sechs Uhr abends. Seit einer halben Stunde dreht ein Polizeihubschrauber über dem Norden von Chicago seine Runden.

Für die Spendengala, mit der Barack Obama in seinen 50. Geburtstag am Donnerstag hineinfeiern will, hat er sich für den Aragon Ballroom entschieden: ein gewaltiger Backsteinquader mit verzierten Fenstern, in dem schon Glenn Miller und Sinatra spielten und neben dem die Metro über eine Hochbahnbrücke rauscht. Früher soll hier im Bezirk Uptown der Mafiapate Al Capone seinen Whisky getrunken haben. Heute leben hier die Jungen, Kreativen und viele Asiaten. Vielleicht war auch das mit ausschlaggebend, dass Obama nicht im Süden der Stadt, wo er seine politische Karriere begann und auch heute noch ein Haus hat, feiern wollte. In den vergangenen Wochen wurden in unmittelbarer Nähe seines Hauses in Kenwood drei Menschen erschossen – im Norden passiert so etwas selten.

Gespannt suchen die Blicke der Schaulustigen und Demonstranten vor dem Konzertsaal den Himmel ab. Dass der Präsident doch noch absagt, glaubt keiner. Aber man weiß ja nie. Bis Dienstag war unklar, ob Obama es überhaupt auf seine eigene Party schafft. Hätte es keine Einigung im Schuldenstreit zwischen den Republikanern und den Demokraten gegeben, er hätte die Gala, für die der Chicagoer Jazzmusiker Herbie Hancock und die ebenfalls von hier stammende Sängerin Jennifer Hudson gebucht wurden, abgesagt, heißt es.

Als dann kurz nach sechs in kurzem Abstand zwei Militärhubschrauber im Tiefflug über den Konzertsaal rattern, ist klar: Der Präsident ist da. Die Demonstranten reagieren sofort und recken ihre Plakate in den Himmel. „Stoppt die ungerechten Deportationen“, steht darauf. Eine Gruppe Latinos skandiert in Abwandlung von Obamas Wahlkampfslogan „Yes we can … stop deportation!“ Spanisch sprechende TV-Moderatoren reden aufgeregt in Kameras. „Wir sind hier, um den Präsidenten an sein Versprechen zu erinnern“, sagt Fabian Morales, ein schmächtiger 55-Jähriger mit dünnem Schnauzbart und hartem spanischen Akzent, während der Rotorlärm leiser wird. Obama habe versprochen, das Immigrationsgesetz zu reformieren. Passiert sei nichts. Im Gegenteil. Seitdem Obama an der Macht ist, habe es eine Million Abschiebungen gegeben. So viele wie unter keinem anderen Präsidenten. Obama soll sie hören, sagt er. Wird er aber nicht. Bevor die Limousine des Präsidenten heranprescht, rückt die Polizei an.

Während draußen die Beamten die Demonstranten die Straße runterschieben, ruft im Inneren des Saals Jazzlegende Herbie Hancock ein „Happy Birthday, Mr. President“ in sein Mikro und improvisiert sich an seinem Klavier selig. Die Bühne sieht aus wie ein Märchenschloss, mit Türmen und Balkonen, Sternentapete und blau-weiß-roten Vorhängen. Herbie Hancock trägt ein knallrotes, kubistisch bedrucktes Hemd in Übergröße. Das in der Mehrzahl 30 bis 40 Jahre alte Publikum tanzt. Obama kommt nach Hause! Zwar nur für einen Abend, aber für viele ist der Besuch Anlass zum Feiern genug.

Bis zu 35 800 Dollar haben sich die 2400 Besucher den Abend kosten lassen. Die billigsten Tickets kosteten zwar nur 50 Dollar, aber erst ab 10 000 Dollar gibt es ein Foto mit dem Präsidenten – und für die 100 Unterstützer, die den Höchstbetrag bezahlten, auch noch ein Stück Kuchen und Smalltalk. Das Geld soll Obamas Wiederwahlkampagne 2012 zugute kommen.

Der Präsident weiß, dass der Schuldenstreit seinem Ansehen geschadet hat. Er ist nicht als Gewinner aus dem wochenlangen Grabenkampf hervorgegangen. 2,4 Billionen Dollar müssen in den kommenden zehn Jahren eingespart werden. Mehr Steuereinnahmen wird es nicht geben. Jetzt muss Obama beweisen, dass er nicht geschlagen ist. Aber das kostet Geld – und da wird es langsam eng. Mehrere Spendengalas hatte er wegen der ausufernden Schuldendebatte schon abgesagt. Mehrere Zehnmillionen Dollar sind dadurch wohl verloren gegangen. Parallel sind seine Umfragewerte auf 40 Prozent zurückgefallen. Selbst unter Anhängern gilt er vielen als zu zaghaft, zu durchsetzungsschwach. Der Präsident steht unter Druck. Sein Geburtstag soll der Startschuss sein für einen Neustart. Auf breiter Front: Während parallel zu der Geburtstagsgala überall im Land kleine Geldsammelpartys stattfinden, zu denen Obama per Video zugeschaltet wird, ist für Ende des Monats eine weitere große Spendengala in New York angesetzt – im Haus des Filmproduzenten Harvey Weinstein. Die 750 Millionen Dollar, die Obama für seine Präsidentschaftskandidatur 2008 einsammeln konnte, werden aber wahrscheinlich nicht erreicht werden.

Als Hancock abtritt, überbrückt der DJ die Wartezeit bis zu Obamas Auftritt mit Bruce Springsteens „Born in the USA“, was zumindest auf der Pressetribüne Heiterkeit hervorruft. Noch nicht vergessen sind die Verschwörungstheorien, Obama sei nicht auf amerikanischem Boden geboren und dürfe folglich gar nicht Präsident sein. Im Foyer kann man für 30 Dollar T-Shirts mit dem Aufdruck der Geburtsurkunde erwerben, die zeigt, dass er auf Hawaii auf die Welt kam. Daumennagelgroße Anstecker mit der Aufschrift „Obama 2012“ gibt es bereits für acht.

Dann ist es so weit. Als um 19.20 Uhr die Musiker noch einmal auf die Bühne treten und „Happy Birthday“ anstimmen, taucht Obama aus dem Dunkel der Bühne auf. Weißes Hemd, graue Krawatte, kein Jackett. Er ist wirklich grauer geworden. „Ich habe ein paar Dellen abbekommen“, gestand er kürzlich. Auch die neuen Sorgenfalten, von denen er bei der Gelegenheit berichtete, fallen nicht nur seiner Frau auf.

Wie er da auf der Bühne steht, wirkt er gleichzeitig erschöpft und aufgedreht. Er tänzelt. „Hello Chicago!“, ruft er. Das Publikum tobt. Für jemanden, der einmal sagte, Hype mache ihn misstrauisch, beherrscht er die Gesten eines Rockstars und das Spiel mit der Masse hervorragend. Er weiß, was auf dem Spiel steht. Und so macht Obama da weiter, wo Hancock aufgehört hat. Hier steht kein besonnener Staatsmann, hier performt ein Unterhaltungskünstler. Acht amerikanische Flaggen und Hancocks Flügel im Rücken, einen Übersetzer für Taubstumme an seiner Seite, tritt er ans Rednerpult.

Kein schöneres Geburtstagsgeschenk könne er sich vorstellen als diese Unterstützung, und dann schwelgt er in Erinnerungen an seine Wahl 2008. Er scherzt noch ein wenig, dann wird er politisch. Rechtfertigt die Staatshilfe für die Autoindustrie, rechnet vor, wie viele Jobs und Millionen dadurch gewonnen wurden, greift die Republikaner an, ihre Blockade im Schuldenstreit und die Anfeindungen, wie er in Zeiten wie diesen ans Geburtstagfeiern denken könne. „Unsere Wirtschaft liegt am Boden. Wir geben mehr aus, als wir uns leisten können. 2,5 Millionen Jobs sind futsch, aber Obama kümmert sich nur um sich selbst“, erklärte Reince Priebus, Vorsitzender des Republican National Committee. Massachusetts früherer Gouverneur und Präsidentschaftskandidat Mitt Romney ließ sogar extra ein Video drehen, in dem er den bei Obamas Wahlsieg 2008 dicht gefüllten Grant Park mit einem leergefegten zusammenschnitt, durch den kalter Wind pfiff. Dazu gab es Statistiken über die Probleme mit der Wirtschaft und der Arbeitslosigkeit. „Wir haben keine Zeit für solche Machtspiele“, ruft Obama in den Saal. Heute will er beweisen, dass er auch austeilen kann. Er weiß, dass er sich als Kämpfer präsentieren muss, um das verlorene Vertrauen zurückzugewinnen. Wenn er redet, fühlt man, was für ihn auf dem Spiel steht. Es geht um seine politische Zukunft. Hier. Heute Abend.

Dann folgen Parolen. 20 Minuten feuert er ab, was Amerika seiner Ansicht nach braucht. Gleiches Recht für Schwule und Lesben! Mehr grüne Energie! Mehr Ingenieure! Ein besseres Gesundheitssystem! Amerikanische E-Autos für die ganze Welt! Wie er das erreichen will, sagt er nicht.

Aber das will heute auch keiner hören. Die Zuhörer sind einfach nur begeistert. Sie wollen feiern, sich und den Glauben an einen starken Barack Obama, die letzten Wochen sollen weggefeiert werden. Dann beschwört er, was man bereits erreicht habe. Manchmal stockt er. Nur kurz. Er fängt sich schnell wieder. Er erzählt, in Afghanistan seien die Taliban auf der Flucht, der Abzug aus dem Irak fast vollzogen. Infrage stellt solche Äußerungen heute niemand.

Nach knapp 30 Minuten Rede folgt das unvermeidliche „Gott schütze Amerika“. Erschöpft steht Obama danach am Bühnenrand und badet im Beifall. Er wischt sich mit einem Taschentuch durchs Gesicht. Er wirkt immer noch erschöpft – aber glücklich.

Das ist auch das Publikum. „Wahnsinnig inspirierend“, schwärmt Penny Logan. Die füllige Dame ist extra aus Detroit gekommen, um Obama reden zu hören. Dass er heute schon wieder abreist, stört sie nicht. Ein Mann mit Schiebermütze ist ebenfalls sichtlich bewegt. „Ich glaube, dass er für das Richtige kämpft“, sagt er. Dann guckt er ernst. „Aber sein Herz ist zu weich.“

Als sich Obama um kurz nach acht Uhr zum Abendessen zurückzieht, harren vor der Halle noch ein paar Dutzend Schaulustige hinter dem gelben Absperrband aus, dass die Polizei quer über die Straße gespannt hat. Die Hektik von seiner Ankunft ist verschwunden. Die Demonstranten sind fort. Eine gute Stunde später ist es auch der Präsident. Um viertel nach neun brettert seine Limousine vom Parkplatz des Aragon Ballrooms. Kurz danach knattern wieder die Rotoren über Chicago.

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