Barack Obama : Friedensvision vor Prager Kulisse

US-Präsident Obama erinnert in Tschechien an die Samtene Revolution - und hält am umstrittenen Raketenschild fest.

Kilian Kirchgeßner[Prag]
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Alte und Neue Welt. Mit dem Prager Veitsdom im Rücken hielt Barack Obama vor 20 000 Menschen eine Rede über Sicherheit im 21....

Es war Barack Obamas einzige öffentliche Rede auf seiner Europa-Reise, und er hat in Prag den richtigen Ton getroffen: Mehr als 20 000 Zuhörer hatten sich auf dem Vorplatz der Prager Burg eingefunden. Vor ihnen breitete US-Präsident Obama seine Vision von einer friedlichen Weltordnung aus. Die vollständige atomare Abrüstung werde sicher viel Zeit brauchen, aber sie sei möglich. „Wir können die Welt ändern“, rief er.

Zum Gipfeltreffen von EU und USA weilt Obama zwei Tage in Tschechien, das derzeit die europäische Ratspräsidentschaft innehat. Dass sich Obama gerade Prag als Schauplatz für seinen größten europäischen Auftritt ausgewählt hat, dürfte indes vor allem symbolische Bedeutung haben. „Vor zwanzig Jahren sind die Menschen aus dieser Stadt auf die Straße gegangen, um die Rechte einzufordern, die ihnen abgenommen worden sind“, rief Obama den Pragern zu. „Das hat uns gelehrt, dass friedliche Proteste ein Reich erschüttern können.“ Dies sei ein Beweis dafür, dass die Freiheit über alles gehe.

Die Tschechen nahmen den historischen Vergleich von Obamas Politik des Wandels mit ihrer Samtenen Revolution aus dem Jahr 1989 mit Begeisterung auf. Über die Bedeutung ihrer Stadt allerdings machten sie sich auch nach der Rede keine Illusionen. „Obama ist vor allem an der Kulisse interessiert“, heißt es aus diplomatischen Kreisen – und diese Kulisse hat sich das Beraterteam des Präsidenten mit aller Sorgfalt ausgesucht: Die Bühne, auf der Obama sprach, war umrahmt vom barocken Matthias-Tor am Eingang zur Prager Burg und prachtvollen Adelspalästen. Hinter ihm öffnet sich ein Panorama auf die Moldaubrücken und die Türme der Prager Altstadt. Für das amerikanische Fernsehpublikum, so heißt es in Prag, sei das ein wirkungsvoller Hintergrund.

„Im 20. Jahrhundert haben wir für die Freiheit gekämpft. Jetzt müssen wir weiterkämpfen, damit die Menschen auch im 21. Jahrhundert in Freiheit und Sicherheit leben können“, sagte Barack Obama. Obwohl der Kalte Krieg zu Ende sei, steige die Gefahr eines atomaren Anschlags. Er verwies auf terroristische Gruppen, die sich auf dem Schwarzmarkt die notwendigen Bauteile für eine Bombe kaufen könnten. Gleichzeitig griff er in scharfen Worten Nordkorea an. Das kommunistische Regime hatte kurz vor Obamas Abrüstungsrede eine Langstreckenrakete gezündet. Das sei ein klarer Verstoß gegen UN-Resolutionen, so der amerikanische Präsident. Den Iran lud er ein, einen Platz in der Gemeinschaft der Nationen einzunehmen.

An dem geplanten Raketenabwehrschirm, den die USA in Polen und Tschechien stationieren wollen und der vor allem in Prag zu heftigen innenpolitischen Auseinandersetzungen geführt hat, will Obama zunächst festhalten. Solange eine Gefährdung bestehe, werde man weiter an der Umsetzung des Projektes arbeiten, so der US-Präsident.

Auch beim Gipfel selbst gab es nicht nur Einigkeit. Obama sprach sich erneut für eine EU-Mitgliedschaft der Türkei aus. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy bekräftigte daraufhin den Widerstand Frankreichs, und Bundeskanzlerin Angela Merkel, ebenfalls eine Gegnerin, erklärte Obamas „Bekenntnis“ für einen EU-Beitritt Ankaras mit „der Tradition der USA“. Obama kündigte außerdem an, die USA wollten bei den erneuerbaren Energien wieder die Führung übernehmen. Merkel lobte das „ambitionierte“ Vorgehen.

Am Rande des Gipfels in Prag traf der US-Präsident am Abend privat mit Václav Havel zusammen, dem früheren Dissidenten und langjährigen Staatspräsidenten Tschechiens. In Amerika ist der Freiheitskämpfer Havel eine Ikone – bei seinen Reisen nach Amerika Anfang der 90er Jahre hat er sich dort mit seinen leidenschaftlichen Reden viele Freunde gemacht. Seine Begegnung mit Obama könnte mit ihrer Symbolkraft einige der diplomatischen Verstimmungen ausbügeln, die in jüngster Zeit das Verhältnis zwischen Prag und Washington belasten. Für einen Eklat hat vor wenigen Tagen der tschechische Premierminister Mirek Topolánek gesorgt, als er vor dem Europäischen Parlament das geplante amerikanische Konjunkturpaket als „Weg in die Hölle“ bezeichnete.

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