Politik : Barak geht mit dem Rückzug aus dem Libanon ein hohes Risiko ein (Kommentar)

Malte Lehming

Prognosen verbieten sich. Noch herrscht Chaos im Südlibanon. Aber die Alternative ist klar: Entweder wird der Friedensprozess nach dem Abzug Israels einen gewaltigen Schub nach vorn erfahren, oder es kommt zu einer gefährlichen Ausdehnung des Konflikts unter Einbeziehung Syriens. Dramatisch ist die Situation auf jeden Fall. Und riskant. Im ersten Fall würde Israels Ministerpräsident Ehud Barak als strategisches Genie gefeiert, im zweiten Fall mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt.

Die aktuellen Bilder erinnern an den Abzug der Amerikaner aus Vietnam. Israel verlässt die so genannte Sicherheitszone als zermürbte, geschlagene Macht. Hektisch, fast panisch wirkt der seit einem Jahr geplante Truppenabzug. Die mit Israel verbundenen südlibanesischen Milizen (SLA) brechen unkontrolliert auseinander. Einige der versprengten Einheiten verstecken sich, andere fliehen Hals über Kopf nach Israel. Die meisten SLA-Kämpfer fühlen sich von Israel im Stich gelassen. Der Erzfeind wiederum, die von Syrien und dem Iran unterstützte Hisbollah, übernimmt triumphierend das Gelände. Israels Zeitungen sparen deshalb nicht mit Spott. "Tag der Demütigung" titelt "Jedioth Achronoth", und ein Kommentator schreibt: "Die Hisbollah hat Israel mit heruntergelassenen Hosen erwischt."

Auch die Unifil, die Beobachtertruppe der Vereinten Nationen, war auf den "Ernstfall" offensichtlich nicht vorbereitet. Jetzt heißt es bei der UN, die 4500 Blauhelmsoldaten würden rasch verstärkt. Aber niemand weiß, ob bis dahin die Hisbollah nicht längst die Macht im Südlibanon an sich gerissen hat.

Israel pokert hoch. Einen Mangel an Mut kann man Barak kaum vorwerfen. Und Leichtsinn? Mehr als tausend israelische Soldaten sind während der bereits 22 Jahre Besatzungszeit gestorben. Eine Demokratie hält einen solchen Zustand nicht unbegrenzt aus. Und zu gewinnen war der Guerillakrieg ohnehin nicht. Eine Mehrheit der Israelis hat den Abzug daher befürwortet. Die große Sorge allerdings heißt: Was macht Syrien?

Damaskus fühlt sich gedemütigt. Der Libanon war der Joker in den Verhandlungen über eine Rückgabe des Golan. Ohne Joker verhandelt es sich schlecht. Syrien sei künftig für alles verantwortlich, was im Südlibanon geschieht, droht Israels Generalstabschef. Das klingt so ängstlich wie martialisch - das ist der Situation durchaus angemessen.

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