Politik : Bauen am Rutschhang

Der Chefgeologe in Rheinland-Pfalz hat Zweifel am Mosel-Brückenprojekt Aber die rot-grüne Landesregierung will das Vorhaben durchziehen.

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Mainz - Harald Ehses ist Chef des rheinland-pfälzischen Landesamtes für Bergbau und Geologie. Als solcher ist er auch kompetent in Fragen der Baugrundsicherheit von Großprojekten. Etwa dem der umstrittenen Hochbrücke über die Mosel bei Zeltingen-Rachtig. Es ist das größte Brückenbauprojekt Europas. Anfang Januar hat Ehses in Interviews das Baugrundrisiko der Brücke als sehr hoch eingeschätzt. Nun hat er einen Maulkorb bekommen. Der Amtschef darf sich zur Frage, ob die Hochbrücke stabil sein wird, nicht mehr äußern. Die Anweisung hat er vom Wirtschaftsministerium – Ressortchefin ist die Grüne Evelyn Lemke. Von einem Maulkorb für den Chefgeologen will Lemkes Sprecherin aber nichts wissen: „Alles, was fachlich zu sagen war, hat er gesagt“, heißt es knapp.

Die vierspurige Brücke soll Eifel und Hunsrück verbinden. Fast 160 Meter hoch soll sie werden und 1700 Meter lang. Gigantisch sind auch die Kosten von geschätzt 375 Millionen Euro, zum größten Teil vom Bund getragen. Das Verkehrsprojekt ist seit Jahrzehnten umstritten. Umweltverbände haben geklagt, auch die örtlichen Winzer wehrten sich gegen den Moselübergang, weil der die teuren Weinlagen ruiniere und die idyllische Landschaft verschandele. Eine Regierungsbeteiligung der Grünen galt vielen als letzte Hoffnung. Doch seit sich SPD und Grüne bei ihren Koalitionsverhandlungen vor zwei Jahren auf das Projekt einigten, gilt die Brücke als so gut wie gebaut. Drei von zehn Pfeilern stehen bereits, in zwei Jahren soll der Bau beendet sein. Und mitten in diese Bauarbeiten platzt nun die Frage: Ist das Bauvorhaben überhaupt technisch beherrschbar?

Kurz vor Weihnachten wurde dem „Spiegel“ ein interner Aktenvermerk des Wirtschaftsministeriums zugespielt. Danach hat das Landesamt für Geologie vor „geologischen Rutschflächen" gewarnt, die bis zu 70 Meter in die Tiefe reichten und „nicht sicher erkundet“ seien. Dadurch sei die Standsicherheit der Brücke gefährdet. Diese Nachricht sorgte in Rheinland-Pfalz für Wirbel, galten solche Sicherheitsfragen doch als längst geklärt.

Doch das sind sie offenbar nicht. Das Problem ist der Ürziger Hang am Westufer der Mosel, ein gefährlicher Rutschhang, der schon seit Jahrtausenden in Bewegung ist und bei dem es immer wieder zu Rutschungen kommt. Nach Auffassung des Landesamtes fehlen bis heute genauere Kenntnisse über die komplexen Gesteinsschichten. Die Fachleute mahnten schon länger Untersuchungen an. Es sei der komplizierteste Baugrund, den sie kennten, erklärte Ehses Anfang des Jahres im „Trierischen Volksfreund“. Der Hanguntergrund setzt sich aus festen, riesigen Schieferblöcken und feinkörnigem Schiefergestein zusammen, die haushohen Blöcke „schwimmen" in diesem Gemisch, sie haben keine Verbindung zum festen Untergrund. Es ist unklar, wie tief dieser Untergrund liegt. „Solche Rutschhänge reagieren hypersensibel auf Eingriffe, die ihr Gleichgewicht stören“, so Ehses wörtlich. Nun stellt sich die Frage: Was ist mit Brückenpfeilern, die, vielleicht ohne Kontakt zu festem Gestein, in den Rutschhang gebaut werden? Und was heißt das für die Stabilität der Brücke?

Der Mainzer Geologe Johannes Feuerbach, ein renommierter Hangrutschexperte, will sich das derzeit nicht ausmalen: „Es ist der helle Wahnsinn, an einem so gefährlichen Hang eine Brücke zu bauen“, sagte Feuerbach dem Tagesspiegel. Er teilt die Kritik von Ehses: Es seien viel zu wenig Bohrungen und Messungen durchgeführt worden, keiner wisse, in welcher Tiefe sich der Hang bewege. Das aber wäre wichtig, um zu entscheiden, wie tief die Pfeiler in der Erde versenkt werden müssten. „Es sind gewaltige Kräfte, die dieser Hang entwickelt, wenn er erst einmal rutscht“, warnt Feuerbach.

Im ebenfalls zuständigen Ministerium für Infrastruktur versteht man die Aufregung nicht. Technisch anspruchsvoll sei das Bauvorhaben, aber beherrschbar, heißt es dort. Sprecher Joachim Winkler verweist auf ein „engmaschiges Monitoring“ und auf das hydrogeologische Gutachten, das – sicherheitshalber – jetzt noch in Auftrag gegeben wird. Es soll die Sickerwasserproblematik untersuchen, vor Ostern werden die Ergebnisse vorliegen. Feuerbach beruhigt das alles nicht: Er fordert ein umfassenderes geotechnisches Gutachten. Die Sickerwasserproblematik lasse sich nicht in drei Monaten untersuchen, man benötige mindestens ein Jahr. Und er warnt: „Irgendwann ist der Bau an so einem Rutschhang weder technisch noch wirtschaftlich beherrschbar.“ Die Landesregierung will davon aber nichts hören. Marion Mück-Raab

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