Politik : Baustelle Pressefreiheit

Journalisten im Irak: Die Zensur ist nur offiziell abgeschafft. Wer die Macht kritisiert, lebt gefährlich

Nils Michaelis

Berlin - Ein Kinderschuh fliegt durch die Luft, ein Selbstmordattentäter hat sich auf einem Markt in Bagdad in die Luft gesprengt. „Terrorismus kennt keine Religion“ ist kurz darauf in blutigen arabischen Lettern auf dem Bildschirm zu lesen. Mit dem Spot landet der Zuschauer mitten in einem wahrlich explosiven Thema: die Medienlandschaft im Zweistromland. Sie war jüngst Thema einer Konferenz in der Berliner Akademie der Künste. Vier Jahre nach dem Sturz von Saddam Hussein ist die Etablierung einer freien Presse eine der größten Baustellen des Landes. Der Grund für Anti-Terror- Spots im Fernsehen oder im Internet liegt angesichts der alltäglichen Anschläge auf der Hand. Aber Anja Wollenberg, die Journalisten in Bagdad ausgebildet hat, spricht auch über die unvollendete Pressefreiheit zwischen Euphrat und Tigris: etwa die Polarisierung der Medien durch die verschiedenen Interessengruppen, die sie finanzieren. Zwar gebe es 54 nichtstaatliche Fernsehstationen, 124 private Radiosender, 268 Zeitungen und – offiziell – keine staatliche Zensur. Doch laut Wollenberg ist dieser große Kuchen aufgeteilt unter Schiiten, Sunniten und anderen, die mit einem vereinten Irak nicht viel am Hut haben. Nur einige unabhängige Blätter haben sich der Objektivität verschrieben. Denen machen nicht nur die Arbeitsbedingungen im Krieg zu schaffen, der seit 2003 80 Journalisten das Leben gekostet hat. Häufig werden kritische Blätter oder Sender von jeglichem Informationsfluss abgeschnitten, sagt Wollenberg, wenn sich Bagdad düpiert fühlt. Die Regierung Al- Maliki wache aufmerksam über die „Tools of Media“. Andere auch: „Irakisches und US-Militär sowie lokale Behörden hindern Journalisten häufig daran, die Schauplätze aktueller Ereignisse zu besuchen“, klagt die Journalistin Susanne Fischer, die mehrere Jahre lang junge irakische Kollegen unterrichtet hat. Die Folge: „Journalisten arbeiten nur noch dort, wo sie leben, weil sie Angst haben, sich mit den lokalen Größen anderer Städte oder Regionen anzulegen.“ Auch sei es fast unmöglich, über gesellschaftliche Tabuthemen wie das Schicksal von Millionen Waisenkindern und hunderttausender Witwen zu berichten.

Dass Demokratie im Irak ohne eine freie Presse undenkbar ist, schwingt in allen Redebeiträgen mit. Dazu brauche es auch nationale Einheit: „Indem die Presse an der Schaffung einer neuen irakischen Nationalkultur mitwirkt, könnten die gegenwärtigen Spannungen überwunden werden“, so der Bagdader Autor Ali Badr. Ismael Zayer, Chefredakteur der unabhängigen Zeitung „Sabah Al-Jadeed“ (Der Neue Morgen) legt nach: „Die Aufteilung des irakischen Volkes in Schiiten, Sunniten und Kurden ist primitiv. Wir weigern uns, das zu tun.“

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