Politik : Baut auf, baut auf

Von Gerd Nowakowski

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Das ist doch eine ganze Menge. Als sich das getrennte Deutschland vor 15 Jahren vor dem Reichstag in die Einheit fügte, da hätte niemand gedacht, dass jetzt die Ostdeutschen die Bundestagswahlen entscheiden, dass ohne sie in diesem Land niemand Bundeskanzlerin wird, auch wenn Angela Merkel aus Hamburg stammt. Vor fünfzehn Jahren standen bei der Feier der Einheit vor dem Reichstag der übergroße EinheitsKanzler Helmut Kohl neben dem letzten DDR-Ministerpräsidenten, dem schmalen Lothar de Maizière, wie die schmale DDR neben dem starken Westen. Gegen den Osten ist keine Politik in Deutschland zu machen, keine Bundesregierung zu bilden – welch ein Selbstbewusstsein könnten die Ossis, die Ostler daraus ziehen.

Doch die erregten Reaktionen auf ungeschickte Bemerkungen, ob auf den Proletarisierungs-Vorwurf des Brandenburger CDU-Chefs Jörg Schönbohm oder Edmund Stoibers Tirade über die frustrierten Ostdeutschen, zeigen, wie gering das Selbstbewusstsein noch immer ist. Und das Selbstwertgefühl erst recht. Dabei trennt sich die Bundesrepublik längst nicht mehr zwischen Ost und West; sie trennt zwischen dem reichen Süden und den armen Nordlichtern. Und schon sieht manche ostdeutsche Stadt schmucker aus als ihre Schwester im großen Nordrhein-Westfalen. Da kann man nich’ meckern, sagt der Berliner. Eigentlich.

Wenn da nicht dieses Gefühl wäre: 1500 Milliarden Euro haben die einen gegeben, und ewige Nörgler bekommen. Das aber lässt sich erklären. Bis zum Mauerfall ging es für die DDR-Bürger um Freiheit, nach der Wende um materielle Gleichheit mit D-Mark und West-Auto. Um die Einheit ging es immer nur am Rande. Das haben erst die Modernisierungszwänge der bundesdeutschen Wirtschaft geschafft, die leeren Kassen des Sozialstaats, die Stürme der Globalisierung. Erst in der Krise finden sich beide Teile des Landes geeint.

Aber wie reformfähig, wie reformbereit die Deutschen sein können, das kann die neue deutsche Republik von den Menschen zwischen Elbe und Oder lernen. Ohne deren Mut, Neues auf sich zu nehmen, hätte Ostdeutschland keine Chance gehabt – trotz Solidarpakt-Geldern und westdeutschen Polit-Exporten. Die Ostdeutschen arbeiten flexibler als die Arbeitnehmer im Westen, sie arbeiten länger und sie verdienen weniger – für den Soziologen Wolfgang Engler sind sie die Avantgarde der Arbeitsgesellschaft. Für die Westdeutschen bedeutet das: Was im Osten zu beobachten ist, sind keine mühsamen Aufholversuche der armen Verwandten. Zwischen Magdeburg und Dresden ist vielmehr die Zukunft der Industriegesellschaft zu beobachten mit gebrochenen Arbeitsbiografien statt einer lebenslangen Betriebszugehörigkeit, mit neuen Familienentwürfen und Rollenaufteilungen zwischen Männern und Frauen angesichts von Sonntagsarbeit und Teilzeitbeschäftigung. Dort hat man längst begriffen, dass es nie wieder ein Zurück geben wird zu Vollbeschäftigung und stetig steigenden Renten, sondern Engagement und private Vorsorge das Unterpfand jedes Glücks sein werden. Das alles auch den Westdeutschen nahe zu bringen, zählt zu den Aufgaben der neuen Regierung.

Und wie aus der Krise Neues entsteht, das können beide Teile am besten in Berlin entdecken. Nirgendwo verändert sich die Republik so schnell wie in der Hauptstadt, der Werkstatt Deutschlands. Hier reiben sich Ost und West, entwickeln sich an der früheren Nahtstelle der Systeme politische Modelle für die bundesdeutsche Zukunft. Das Ringen um eine große Koalition als Bund in schweren Zeiten: In Berlin haben Union und SPD nach der Wende vorgemacht, wie eine Stadt zueinander finden kann, deren elementare Versorgungseinrichtungen ebenso geteilt waren wie das Bewusstsein der Menschen auf beiden Seiten der Mauer. Hier in Berlin freilich um den Preis der zerrütteten Landesfinanzen. Und Rot- Rot im Bund – in Berlin findet schon seit vier Jahren der Labortest statt. Ende offen. Aber so ist das mit der Zukunft. Es kann immer noch besser werden.

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