Politik : Befreiung ohne Freiheit

Von Richard Schröder

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In der DDR war der 8. Mai anfangs als „Tag der Befreiung“ staatlicher Feiertag, begangen als Heldengedenken, der Helden der Roten Armee und der Helden des kommunistischen Widerstands. Und mit Zeigefinger nach Westen: Dort sitzen die alten Kriegstreiber und bereiten den dritten Weltkrieg vor, doch wir sind gerüstet!

Uns aber bewegte an diesen Tagen ganz anderes. Das Kriegsende hatte zwar die Naziherrschaft beendet, aber es war eine Befreiung ohne Freiheit. Der KGB übernahm die Konzentrationslager und internierte neben Nazis unschuldige Jugendliche unter Werwolfverdacht, „Junker und Kapitalisten“, Sozialdemokraten, die sich der Zwangsvereinigung mit der KPD widersetzt hatten. Manchmal waren die Nazihäftlinge als Stubenälteste über sozialdemokratische Häftlinge gesetzt, die vor ’45 schon einmal im KZ gesessen hatten. Bis 1953 erlebten wir eine Zeit wachsender Willkür.

Das Kriegsende brachte das Ende der Kampfhandlungen, der Bombennächte und des widersinnigen „Endkampfs“. Aber es war eine Befreiung ohne Aussicht auf Frieden. Die Alliierten waren nicht gekommen, um Deutschland zu befreien, sondern um es zu besiegen, und zwar total. Denn Deutschland hatte den totalen Krieg proklamiert und praktiziert. Viele trauten nicht mal dem Kriegsende, weil sie erwarteten dass zwischen den Westalliierte und der Sowjetunion ein Krieg ausbrechen werde. Es wurde zum Glück nur ein kalter Krieg, aber mit der Atomkriegsgefahr und mit Deutschland als potentiellem Schlachtfeld.

In meiner Kindheit hieß das Ereignis des 8. Mai immer nur Zusammenbruch. Die Naziherrschaft war zusammengebrochen. Die Bonzen hatten sich zuletzt aus dem Staub gemacht. Aber auch der deutsche Staat war zusammengebrochen. Die Deutschen waren nun ein Volk ohne Staat, aufgeteilt unter die Besatzungsmächte. Schon deshalb gab es keine Aussicht auf einen Friedensvertrag. Zusammenbruch auch der Versorgung. Das große Hungern kam erst nach ’45. Wiederaufbaustimmmung konnte in den ersten Jahren nach ’45 bei uns schon deshalb nicht aufkommen, weil die Sowjetunion Industrie und Gleise demontierte, die der Krieg nicht zerstört hatte und massenhaft enteignete. Es war auch ein moralischer Zusammenbruch. Die Bilder aus den KZs waren nicht nur für das Ausland schockierend. Es kam massenhaft zu Selbstmorden. Bilanzselbstmorde der fanatischen Nazis, aber auch Verzweiflungsselbstmorde derer, denen der Krieg alles genommen hatte. Andere hatten zwei Seelen in der Brust. Die bedingungslose Kapitulation verletzte ihren Nationalstolz, zugleich schämten sie sich der Verbrechen des Regimes und konnten beides nicht zusammenbringen.

Erst der 3. Oktober 1990 hat uns eine Befreiung mit Einigkeit und Recht und Freiheit gebracht. Da wurde nämlich der „Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland“ wirksam.

Der Autor ist Professor für Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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