Politik : BEFÜRWORTER

Hans-Hagen Bremer
An der Grenze. Das Akw Cattenom.Foto: AFP
An der Grenze. Das Akw Cattenom.Foto: AFPFoto: AFP

Frankreich und die Schweiz – die „Grande Nation“ und die Eidgenossen verbindet mehr als nur die gemeinsame Nachbarschaft zu Deutschland: Beide blicken mit Stolz auf ihre Geschichte, beide legen auf je eigene Weise Wert auf ihre Unabhängigkeit, und beide sehen diese unter anderem darin verwirklicht, dass sie, anders als Nachbar Deutschland, nach wie vor auf die Atomkraft setzen. Frankreich ist ein Atomstromgigant, liegt weltweit an zweiter Stelle hinter den Vereinigten Staaten und preist die Kernenergie als einzig wahre Energie der Zukunft. Drei Viertel seines Stroms bezieht das Land aus Atommeilern und verkauft seine Atomtechnik in alle Welt. Doch wie die Schweiz, deren Atomkraftwerke übrigens zum Teil in der Grenzregion am Hochrhein stehen, gerät auch Frankreich dieser Tage ins Grübeln. mis

Frankreichs Regierung gibt sich zwar besonnen. Man werde zu gegebener Zeit die „nützlichen Lehren“ aus der Atomkatastrophe in Japan ziehen, versicherte Premier François Fillon nach einer Krisensitzung. Doch in der Öffentlichkeit wird die Frage nach der Sicherheit der 19 französischen Atomanlagen mit ihren 58 Reaktoren bereits mit großer Dringlichkeit gestellt. Anhänger der nuklearkritischen Organisation Sortir du Nucléaire (Aus dem Atom aussteigen) demonstrierten bei einer Kundgebung am Trocadéro in Paris für das Ende von Frankreichs Atomwirtschaft.

Politiker der Grünen erneuerten ihre Forderung, jetzt die längst fällige Debatte über die Atomenergie zu führen, die es in Frankreich nie gab. An deren Ende müsse dann ein Referendum über den Ausstieg stehen, sagte die frühere Umweltministerin Corinne Lepage. Dem setzen die Atombefürworter in Regierung und Opposition die vorgebliche Unverzichtbarkeit der Kernkraft für Frankreich sowie deren Sicherheit entgegen. Man könne Frankreichs Elektrizitätsversorgung nicht allein aus erneuerbaren Energiequellen speisen, sagte Umweltministerin Nathalie Kosciusko-Morizet. Präsident Nicolas Sarkozys Sonderberater Henri Guaino erblickte in dem japanischen Drama sogar einen Vorteil für Frankreichs Atomindustrie, deren „Markenzeichen“ die Sicherheit sei.

Die Wirklichkeit sieht etwas anders aus. Von den etwa tausend technischen Problemen, die das Institut für Strahlenschutz und Nuklearsicherheit jährlich verzeichnet, rangieren die meisten zwar auf der untersten Stufe der von eins bis sieben (Tschernobyl) reichenden Ines-Meldeskala. Doch 2009 kam es im Kraftwerk Cruas in Südfrankreich zu einem schwereren Zwischenfall, als Algen das Kühlsystem verstopften. 1999 schrammte das Kraftwerk Blayais bei Bordeaux knapp an einer Kernschmelze vorbei. Infolge von Hochwasser hatte das Kühlsystem an drei von vier Reaktoren versagt. Der Atlantik hatte Teile der Anlage überspült.

Die mutmaßlichen Risiken werden von den Verantwortlichen gern heruntergespielt. So deckte „Sortir du Nucléaire“ 2003 auf, dass der staatliche Elektrizitätskonzern EdF die Risikodaten von sechs in potenziellen Erdbebenzonen gelegenen Atommeilern manipuliert hatte, um sich teure Nachrüstungen zu ersparen. Die Daten wurden nach einer Kontroverse mit der Aufsichtsbehörde inzwischen korrigiert. Von den erforderlichen Investitionen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro wurden bisher aber nur 200 Millionen getätigt. Hans-Hagen Bremer

Nach der Atomkatastrophe in Japan handelt die Schweiz. Die Regierung entschied am Montag, die Bewilligungsverfahren für drei neue Atomkraftwerke auszusetzen. Die Sicherheitsstandards der bestehenden Anlagen sollten zunächst überprüft und wenn nötig verbessert werden. Erst danach könne man die Baugesuche für neue Atomkraftwerke weiteranalysieren, erklärte Umwelt- und Energieministerin Doris Leuthard (CVP) am Montag in Bern.

Die Schweizer sind besonders beunruhigt über die Risiken von Erdbeben und die Gefahren bei der Kühlung der Atomkraftwerke. Für die Regierung habe „Sicherheit und das Wohlergehen der Bevölkerung oberste Priorität“, sagte Leuthard, die zugab, dass das Vertrauen der Schweizer in die Nukleartechnologie durch die Ereignisse in Japan sicher angeschlagen sei. Leuthard, die aus ihrer Pro-Atom-Haltung nie einen Hehl gemacht hat, kündigte an, die in den Medien als ungenügend gerügten Informationen zu intensivieren. Täglich werde ein Lagebericht des Eidgenössischen Nuklear-Sicherheits-Inspektorats Ensi im Internet veröffentlicht.

Die Ministerin beauftragte das Ensi, die Ursachen des Unfalls in Japan zu analysieren und daraus gegebenenfalls neue oder schärfere Sicherheitsstandards abzuleiten. Die fünf Atomkraftwerke in der Schweiz wurden in den 70er Jahren gebaut und sollen zum Teil ersetzt werden. Die endgültige Entscheidung soll bei einer Volksabstimmung voraussichtlich 2013 getroffen werden.

Wie die Umweltschützer vom BUND, Regionalverband Südlicher Oberrhein, schreiben, suche die Schweizer „Nationale Genossenschaft zur Lagerung radioaktiver Abfälle, Nagra, nach einem Endlager für hochradioaktiven Müll im Grenzgebiet zwischen Bodensee und Basel. Die Probebohrungen in Benken bei Schaffhausen am Rheinfall, fast direkt an der Grenze, seien abgeschlossen. Ein „Schweizer Gorleben“, so die Umweltschützer, könnte am Hochrhein bei Schaffhausen liegen. Dass in der Schweiz Atomunfälle nicht auszuschließen sind, weiß man schon lange: 1969 schlitterten die Eidgenossen knapp an einer atomaren Katastrophe vorbei. Im Versuchsreaktor von Lucens kam es zu einer partiellen Kernschmelze. Nur weil der Reaktor in einem Felsen betrieben wurde, war der Unfall kontrollierbar. Dennoch: Lucens gilt bis heute als einer der schwersten Nuklearunfälle weltweit. Jan Dirk Herbermann

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