Begegnung in Berlin : Schüler fragen - der Politologe Alfred Grosser antwortet

Zwei Schulstunden lang stand Alfred Grosser Berliner Schülern in einem Gymnasium in Schöneberg Rede und Antwort. Die Antworten des französischen Politologen blieben in dem Gespräch, das um Israel, die Situation der Muslime in Frankreich und nicht zuletzt das deutsche Selbstverständnis kreiste, stets vielschichtig.

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Der Politologe Alfred Grosser.
Der Politologe Alfred Grosser.Foto: dpa

Es es die dritte Stunde, aber keine, die auf dem Stundenplan steht. Gut 20 Elfklässler, überwiegend Mädchen, sitzen im Stuhlrund vor dem Mann, der gerade 90 geworden ist. Man könnte jetzt ehrfürchtig versteinern vor dem großen Zeitzeugen, von dem die Schüler, die in einem Jahr das deutsch-französische Abitur ablegen wollen, schon etliches gehört haben. Aber der Politologe Alfred Grosser lässt an diesem Dienstagvormittag im Schöneberger Rückert-Gymnasium erst gar keine Distanz aufkommen. Er duzt die Schüler; nach einer kurzen Vorrede, die sich vom Beginn des letzten Jahrhunderts bis in die Zeit von De Gaulle und Adenauer spannt, will er Fragen hören: „Ihr seid dran.“

Grosser: Zerstörung von Gaza war ein Kriegsverbrechen

Grosser ist in seinem Leben oft als Mittler aufgetreten, zwischen Deutschen und Franzosen genauso wie zwischen den Vertretern verschiedener Religionsgemeinschaften. Gleichzeitig hat er aber auch mit seiner Kritik an israelischer Politik nie hinterm Berg gehalten. „Die Zerstörung von Gaza war ein Kriegsverbrechen“, sagt er auch an diesem Morgen, um eine überraschende Einordnung hinzuzufügen: „Wie übrigens auch die Zerstörung von Hamburg und Dresden“. Gleich die erste Frage eines Schülers zielt auf die Trennlinie zwischen Israel-Kritik und Antisemitismus. Grosser beantwortet sie mit seiner eigenen Biografie: Seine Eltern waren Juden, und dennoch werde er von jüdischen Organisationen des Antisemitismus bezichtigt. Grosser kennt den Einwand, dass sich hinter seiner Israel-Kritik „jüdischer Selbsthass“ verberge. Mit einem Lächeln beantwortet er diesen Einwand gleich mit: „Ich liebe mich so sehr, dass das einfach nicht möglich ist.“
Nach und nach wird den Schülern klar, wer da vor ihnen sitzt: Ein Mann, der auch über das Schwere mit Leichtigkeit reden kann. Ein Atheist, der trotzdem alle päpstlichen Enzykliken liest. Ein Franzose aus Paris, der auch aus der „France profonde“ in der Provinz zu berichten weiß und nebenbei über die schlechte Qualität vieler französischer Regionalzeitungen lästert. Vor allem ist Grosser ein wacher Geist, der sich mit den Verästelungen der Pegida ebenso beschäftigt wie mit der „totalen Barbarei“ der Islamisten in Nigeria und Syrien. Seine Erwiderungen auf die Fragen der Schüler bleiben stets vielschichtig, meist sind es eher Denkanstöße. „Es gibt keine guten Antworten, es gibt nur schlechte Antworten“, lautet seine Standard-Replik.
Es klingelt zur vierten Stunde, und der intensive Dialog zwischen dem alten Mann und den jungen Leuten, die demnächst ins Leben hinauswollen, ist noch lange nicht ans Ende gekommen. Es geht inzwischen um Waffenlieferungen an die Ukraine (die Grosser befürwortet) und die Ausgrenzung junger Muslime in französischen Vorstädten. „Nicht der Islam war zuerst da, sondern die Diskriminierung“, beschreibt Grosser die Erfahrung vieler junger Muslime in seinem Land.

Beklemmendes Gefühl auf Soldatenfriedhof in der Normandie

Am Ende wird die Frage-Antwort-Runde zur Deutschstunde der besonderen Art, als eine Schülerin das beklemmende Gefühl beschreibt, das sie auf einem Soldatenfriedhof in der Normandie gehabt hat. „Müssen wir bei bestimmten Themen wegen der Vergangenheit vorsichtiger sein?“ will ein anderes Mädchen wissen. Die deutsche Furcht, was wohl „das Ausland“ bei allen möglichen innenpolitischen Anlässen denken möge, hält Grosser für überholt. Aber eine Verpflichtung auf den ersten Artikel des Grundgesetzes sollten die Deutschen schon spüren, meint er – und zwar ganz von selbst.

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