Behinderte : Voller Fürsorge

Unser Umgang mit behinderten Menschen hat sich stark verändert und geöffnet. Glauben wir. Stimmt das wirklich? Tatsächlich behindern wir diejenigen, die wir für behindert halten und denen wir unsere Fürsorge unter die Nase reiben wie einen gültigen Fahrschein.

Elisabeth Wagner
Star-Bariton Thomas Quasthoff wurde seiner Contergan-Schädigung nicht zur Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule zugelassen.
Star-Bariton Thomas Quasthoff wurde seiner Contergan-Schädigung nicht zur Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule zugelassen.Foto: picture-alliance/ dpa

An meinem Vater habe ich den Gesichtsausdruck oft aus der Nähe gesehen. Auf einem Spaziergang in den Bergen etwa, als wir an einer Bank vorbeiliefen, auf der Eltern saßen mit ihrem behinderten Kind. Das Kind schrie und sabberte, warf den Kopf hin und her und ließ sich durch die sanften Stimmen der Eltern kaum beruhigen. Mein Vater lächelte und senkte den Blick. Der Mund verrutschte ihm dabei, wie unter dem Druck einer heftig aufsteigenden Peinlichkeit. „Ich bewundere die Eltern“, flüsterte er und beschleunigte seine Schritte, unmerklich, so als wolle er nicht zeigen, was er war: auf der Flucht nämlich vor einem kleinen, spastisch gelähmten Jungen. Erklären konnte er nicht, wovor er eigentlich Angst hatte. Er wollte es noch nicht einmal „Angst“ nennen. Eher „Mitleid“, oder „. . . ach, ich weiß nicht“. Erst in einiger Entfernung entspannte er sich.

Wir halten den Abstand. Wir erklären uns die eigene Angst nicht, können nichts über unser Lächeln sagen. Im Umgang mit Behinderung beschränken wir uns auf medienwirksames Geplapper. Willy Bogner zum Beispiel zeigte sich anlässlich der gerade zu Ende gegangenen Winter-Paralympics ausgesprochen angetan vom Siegeswillen der Athleten. „Irgendwie sind wir doch alle behindert“, fand er zudem, versäumte aber zu sagen, worin seine Art der Behinderung genau besteht. Das hätte ihn vor der Phrase gerettet. So rettete ihn die Phrase vor der Selbsterkenntnis.

Viel einfacher ist es, die Dinge beschwichtigend zu behandeln. Die Paralympics waren schlicht großartig, die Leistungen verdanken sich echtem Spitzensport und sind in mindestens einem (seltsam unkommentierten) Fall sogar Doping geschuldet. Fragt man nach unserem Umgang mit Behinderung, herrscht Talkshow-Konsens: Ja, es gäbe noch ein paar Probleme, grundsätzlich aber seien wir offen. Es ist wie bei jener NDR-Reporterin, die vor kurzem mit dem 36-jährigen Berliner Sozialpädagogen Christian Huge über „Behinderung und Sexualtiät“ diskutieren wollte. „Herr Huge leidet unter spastischer Lähmung“, sagte sie, und als Herr Huge entschieden nicht fand, dass er leide, nahm sie das „leiden“ eilfertig zurück. Sie tat so, als hätte sie das Wort versehentlich benutzt, als hätte es gar nichts mit ihrer Wahrnehmung zu tun und entspreche einfach gängiger Redensart. Es ist eine weitverbreitete Strategie. Der eigene Umgang mit Behinderung ist höchstens ungeschickt. Echte Probleme haben andere.

Jene diensthabende Aufsicht in einer Berliner Staatsbibliothek in der Potsdamer Straße eventuell, die vor ein paar Tagen „den könnse hier aber nich mit reinnehmen!“ schnaubte. Ihr Protest galt dem Rollstuhl Maries. Auch das wahrscheinlich alles ein Missverständnis. Für einen Augenblick hatte die 19-jährige Marie neben ihrem Rollstuhl gestanden, anstatt artig darin zu sitzen. Das hatte die Bibliothekssaufsicht wohl verwirrt und nicht in ihr Bild von Behinderung gepasst. Weshalb sie hastig zum Telefonhörer griff und außerdem ein junger, alerter Sicherheitsbeamter hinzutrat. Gemeinsam warf man ernste Blicke auf Marie. Marie wollte sich die Laune aber nicht verderben lassen. „Ach, das war bloß Berliner Schnauze“, sagte sie. „Richtig blöd“ sei, dass ihr Rollstuhl nicht durch die Drehtüren des nagelneuen Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums passt. Marie will aber zurück an ihren Schreibtisch. Sie muss deshalb die Frau in der Kantine sprechen. Die hat den Schlüssel. Den Schlüssel für den Lasten- und Lieferantenlift, den Marie auf ihrem Weg zu ihrem Schreibtisch zu benutzen hat. Zur Kantine geht es durch zwei schwere Glastüren und einen engen Flur. In der Küche spült die Frau mit dem Schlüssel gerade die Pfannen. Sie sieht Marie, trocknet sich nickend die Hände am Kittel, sucht nach dem Schlüssel, findet ihn und verschwindet mit Marie durch die große Halle in Richtung Lift. Ein bißchen umständlich, könnte man meinen. In Wahrheit ist es ein Machtkampf.

Gekämpft wird um das, was gelten soll. Um die Deutungsmacht, um die Herrschaft über das Normale. Normal ist, was durch unsere Drehtüren passt. Normal ist, was den Ablauf nicht stört. Wir sagen Ablauf und meinen den Ablauf der Arbeit. Es mag seltsam klingen, aber unser Umgang mit Behinderung, mit Unterschieden und Differenz leitet sich ab aus unser Sucht nach Beschleunigung, unserer Vernarrtheit ins Effiziente, genauer gesagt, er leitet sich ab aus der Logik des freien Marktes. Die Nachfrage bestimmt den Stellenwert. Alles dreht sich um das vorzeigbare und möglichst profitabel verkäufliche Ergebnis von Arbeit. Die Paralympics sind „eine Marke“, sie haben es geschafft, haben den Makel verloren. Angekommen in der Wirklichkeit unserer Warenströme. Dafür dürfen wir sie offiziell loben. So, wie wir all unsere Warenströme loben. Angefangen hat diese Besessenheit schon früh.

Genau genommen in der Zeit des Absolutismus. Im 17. Jahrhundert. Beim französischen Philosophen Michel Foucault lässt sich nachlesen, wie sich unser Sinn fürs Profitable mit dem Gespür für Außenseiter verbindet. Der Außenseiter muss weg, der Weg muss frei sein. Im elisabethanischen England enstehen die „Workhouses“, in Frankreich die „Hopitaux Généraux“, allgemeine Verwahrungsanstalten, in denen die Ruhestörer verschwinden. Jeden Abweichler kann es treffen: Menschen mit Behinderungen, Alte und chronisch Kranke, alleinerziehende Müttern, Syphilitiker und Verrückte, Diebe und solche, denen die Familien öffentliche Bestrafungen ersparen will. Was all die Ausgegrenzten vereint, ist ihre Arbeitsschwäche. Es eint sie, sagt Foucault, „die Unfähigkeit, an der Produktion, am Umlauf oder an der Akkumulierung der Reichtümer mitzuwirken“. Zur Strafe für ihre Unfähigkeit lässt man die Insassen einfache Arbeiten verrichten, lässt sie Flachs spinnen, grobe Stoffe weben, und verkauft die hergestellten Waren zu niedrigen Preisen auf dem Markt. Die Gesellschaft, schreibt Foucault, habe in diesem Akt das „Verhältnis zu sich selbst“ geklärt, habe festgelegt, „was sie im Verhalten der Individuen anerkennt oder nicht anerkennt“. Selbst die Sündenkataloge ordnen sich danach neu.

Dem todesfürchtigen, jenseitsgläubigen Mittelalter war die größte Sünde noch die Habgier gewesen, der Geiz. Die Arbeit selbst hatte keinen moralischen Rang. Weshalb der Mensch, der sie aufgrund von irgenwelchen Einschränkungen nicht schaffen konnte, auch nicht moralisch zu diskreditieren war. Die Armut hatte er zu fürchten, den Bettelstab – nicht aber die Verachtung einer ganzen Gesellschaft, welche erst die aufstrebende Welt des Handels durchweht. In ihr ist Faulheit die abscheulichste aller Sünden. Verachtung das zu verhängende Strafmaß. Den Krüppel des 19. Jahrhunderts wird sie zum ersten Mal mit voller Wucht treffen.

Mittlerweile ist der freie Markt unflexibel genug. Gebraucht werden ausschließlich funktionierende Körper, solche, die in Fabrikhallen, an Webstühlen das Tempo halten. Ob die neuen Körper darüber zu alten Krüppeln werden, ob Kinder dabei ihr Leben verlieren, ist nicht das Problem der Maschinen. Sich krumm und schief arbeiten – sagt man nicht so?

Bestenfalls nimmt sich die kirchliche Armenfürsorge seiner an. Mit Glück landet er im „Vollkrüppelheim“ oder der „Krüppelabteilung“ der Inneren Mission. 1906 zieht man die erste Bilanz. Eine „Krüppelzählung“ im Deutschen Reich soll für Klarheit über den beklagenswerten Zustand der Arbeitskräfte sorgen. Eine junge medizinische Disziplin, die Orthopädie, macht sich bereit zur Hilfestellung. Sie entdeckt den körperbehinderten Menschen und tritt als Begradiger auf den Plan. Aus leistungseingeschränkten „Almosenempfängern“ macht sie „vollwertige Volksgenossen“ und Steuerzahler – der Krüppel ist eine Frage der Volkswirtschaft. Und ein Resultat des Krieges.

Um die Armenfürsorge nach dem Ersten Weltkrieg zu entlasten, tritt 1920 in Deutschland das „Preußische Krüppelfürsorgegesetz“ in Kraft. Zum ersten Mal haben Menschen mit Behinderung einen Anspruch auf medizinische Behandlung, auf berufliche Weiterbildung. Der Anspruch auf Unterstützung staffelt sich allerdings nach Kriterien der Wertigkeit. Man unterscheidet die „Vollwertigen“ von den „Teilnutzbaren“ oder „Unwertigen“, die für den Arbeitsmarkt nicht zu gebrauchen waren. Ein Wort wie „Leistungsträger“ bekommt vor diesem Hintergrund einen höhnischen Klang.

Die Gleichung gilt über 100 Jahre hinweg bis heute: Je erfolgreicher einer ist, desto unbedeutender unsere Schwierigkeit mit seiner „Behinderung“. Ein Mann im Rollstuhl ist unser gegenwärtiger Finanzminister, ein Contergan-geschädigter Junge wurde an Hannovers Musikhochschule zwar abgewiesen, singt dennoch heute, ergreifend wie kaum jemand, Schuberts „Winterreise“. Viele Geschichten lassen sich nennen, Menschen, die beeindruckend sind und die wir dazu benutzen, uns keinerlei Rechenschaft zu geben über die Geschichte unserer eigenen Haltung.

Die Haltung macht es sich leicht. Alles für uns Unbequeme weist sie weit zurück in die Vergangenheit. Die blankgewischten Heimflure der Nachkriegszeit, die riesigen Bettensäle. Wir hören mit Grausen den Kommandoton des Pflegepersonals, lesen das Wort „Krüppel“ bis 1954 in deutschen Gesetzestexten. Wir sehen Eltern, die 1958 erstmals öffentlich für die Rechte ihrer „geistig behinderten Kinder“ kämpfen. Erinnern uns daran, was die Nazis unter „Kindereuthanasie“ verstanden.

Man hat die Kinder vergiftet, vergast, sie in Experimenten gequält. 300 000 psychisch kranke und behinderte Menschen ermordet. Hat in Deutschland lange vor 1933 bereits zwischen „rassisch gesundem“ und „unwertem“ Leben geschieden. Die Mordlust der Nazis konnte sich dabei auf einen breiten Konsens stützen, auf eine Gesellschaft, in der arische Kinder auf den Bauernhöfen ihrer Großväter lernten, nutzlose Spatzenküken zu töten, um Platz zu schaffen für die edlen Schwalben.

Von dort führt nicht die geringste Gedankenspur zu uns. Nichts von diesem ideologischen Schmutz haftet uns mehr an. Das würden wir gerne glauben.

Wir denken an die junge Mutter, die sich mit ihren beiden kleinen Kindern lebhaft in Zeichensprache unterhält und alle umstehenden Passagiere aussehen lässt wie die grauen Zeitdiebe in „Momo“. Wir denken an den gelähmten Stephen Hawking, der sich – im Gegensatz zu uns – das Universum vorstellen kann. An den Sohn des Dorfarztes, der das Downsyndrom hat und den wir regelmäßig im Bio-Laden beim Einkaufen treffen. Wir denken daran, bis uns einfällt, dass auf dem Schreibtisch im Sprechzimmer seines Vaters viele Jahre nur die Fotos der Töchter aufgereiht waren und sein Foto fehlte. Hätte das Foto gefehlt, wenn der Sohn im Rollstuhl säße? Nein, das letzte Beispiel streichen wir besser. Der leise Zug von Grausamkeit daran behagt uns nicht, diese Ahnung, dass wir Unterschiede machen und uns das Stigma geistiger Behinderung schwerer wiegt als das der körperlichen Beeinträchtigung. Es wird ungemütlich, „wenn man die Dinge beim Namen nennt“. Petra Fuchs lacht ihr schönes, spöttisches Lachen.

Sie forscht am Institut der Geschichte der Medizin der Charité, hat promoviert über Behinderung und NS-Diktatur. Wir schleppen, sagt sie, „extrem plumpe und falsche Bilder mit uns herum“. Bilder, die den Makel beschwören, das Leiden, die davon erzählen, „dass das Individuum, das die Behinderung trägt, das Problem ist“. In welcher historischen Kontinuität diese Perspektive stehe, darüber bewahren wir Naivität und retten uns in das Wohlgefühl der eigenen Fürsorglichkeit. Das mag auch der Grund sein, warum „allein durch die Benennung der Wahrnehmung“, sagt die Forscherin, „Konfrontation ensteht“.

Oder Angst. Eine Vermieterin, erzählt Petra Fuchs, habe ihr jüngst, auf die Frage nach einem Fremdenzimmer hin, strikt von der Anreise abgeraten. Die Nennung eines Rollstuhls hatte die Gedankenkette in Gang gesetzt. „Ich kann Sie nicht pflegen“, entschuldigte sich die Dame, als hätte das irgendjemand von ihr verlangt.

Das Interessante daran ist die Unterstellung, das Opferdasein, das wir großzügig verteilen, die Unterlegenheit, die immer die Unterlegenheit des Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen ist. 1981, im „Jahr für behinderte Menschen“ schlug der Gründer der „Krüppel-Bewegung“ Franz Christoph während einer Feierstunde mit einer Krücke auf den Bundepräsidenten Carl Carstens ein und war diesem nicht einmal eine Anzeige wert. Man wehrt sich nicht gegen das Krüppelchen. Das Krüppelchen ist viel zu klein und braucht unsere Hilfe. Das Krüppelchen aber lebt ausschließlich in unserem Kopf, und unsere Nettigkeit, das sich angesichts seiner Schwäche in Rührung zusammenkrampfende Herz, will es nicht geschenkt.

Wir stehen im Weg. Wir behindern diejenigen, die wir für behindert halten und denen wir unsere Fürsorge unter die Nase reiben wie einen gültigen Fahrschein. Alles hängt an unserer Vorstellung von Behinderung, an unserem Bild von Normalität. Die Weltgesundheitsorgansisation, die WHO, hat dazu 2001 übrigens etwas Entscheidendes bemerkt. Behinderung sei nicht die Eigenschaft eines einzelnen Menschen, sondern das „Ergebnis einer negativen Wechselwirkung zwischen einer Person mit einem Gesundheitsproblem und ihren Kontextfaktoren“.

Wir erkennen uns kaum wieder, ja, die Lektion ist hart: sich zu verabschieden vom Hoheitsanspruch der eigenen Wirklichkeit. In der Forschung ist man weiter. Man diskutiert längst über die soziale Konstruktion von Behinderung, reflektiert die Muster der „Disability“, zu denen wesentlich unsere Selbstbilder gehören. Die eigenen Projektionen sind es, die den Zugang kontrollieren, die darüber entscheiden, was behindert ist oder nicht. Was als glückliches Leben gilt oder als ordentliches öffentliches Gebäude. Dass in Deutschland abgesehen von den Häusern des Bundes noch immer nicht zwingend barrierefrei zu bauen ist, dass sich Eltern im Namen der Leistungsträger immer noch dagegen verwahren können, dass ihr „gesundes Kind“ mit einem „behinderten Kind“ dieselbe Klasse besucht, erzählt bloß das jüngste Kapitel der Geschichte unseres Umgangs mit Behinderung. Wir sortieren wie gehabt – obwohl man uns längst gestoppt hat. Gefangen in unserer Drehtür haben wir es nicht bemerkt.

Vor ziemlich genau einem Jahr ist es passiert. Die davon wissen, nennen die Sache „historisch“. Sie sagen, die Welt sei mit dieser im Keller eines alten New Yorker UN-Gebäudes erbittert verhandelten „Convention on the Rights of Persons with Disabilities“ eine andere. Die Nachricht mag uns komplett überraschen, doch mit ein paar mehr „rollstuhlgerechten WCs“, einem erhöhten Aufkommen von Bussen mit Eingstieghilfe wird es nach diesem Völkervertrag nicht mehr getan sein. Auch nicht mit guten Einschaltquoten bei den nächsten Paralympics. „Sofortige, wirksame und geeignete Maßnahmen“ sind zu ergreifen, heißt es, „um den vollen und gleichberechtigten Genuss aller Menschenrechte und Grundfreiheiten durch alle Menschen mit Behinderungen zu gewährleisten“. Deutlicher lässt es sich nicht sagen. Allein, wir ahnen noch nicht einmal, was es heißt. Seit dem 26. März vergangenen Jahres ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland innerstaatlich geltendes Recht. Ach, haben wir gar nicht gewusst.

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