• Bei ihrem Besuch bekam die Prösidentenfamilie aber nicht das ganze Ausmaß des Leides zu sehen

Politik : Bei ihrem Besuch bekam die Prösidentenfamilie aber nicht das ganze Ausmaß des Leides zu sehen

Thomas Seibert

Von Bill Clinton können die türkischen Politiker noch viel lernen. Wenn der türkische Staatspräsident Süleyman Demirel oder andere Spitzenpolitiker aus Ankara im Erdbebengebiet im Nordwesten des Landes auftauchen, um sich über den Stand der Hilfsmaßnahmen zu informieren, schreiten sie meist gravitätisch einher, verbreiten Durchhalteparolen und preisen die Anstrengungen des Staates. Ganz anders der amerikanische Präsident am Dienstag bei seinem Besuch im Zeltlager Dogukisla nahe der Industriestadt Izmit am Marmara-Meer, die bei dem Beben im August verwüstet wurde: Clinton stürzte sich trotz strömenden Regens in die Menge, schüttelte Hände, knutschte Babys und gab den Menschen das Gefühl, mit ihnen gemeinsam die Katastrophe zu durchleben. "Bleiben Sie guten Mutes", rief Clinton den Menschen zu. Clintons Frau Hillary und Tochter Chelsea waren in Dogukisla mit von der Partie und verbreiteten ebenso wie der Präsident Zuversicht.

Bei seiner kurzen Ansprache wurde Clinton mehrmals von Applaus unterbrochen - die Zeltbewohner in Dogukisla haben schließlich allen Grund, den Amerikanern zu danken. Sie hatten das Glück, nach der Katastrophe vom August in winterfesten und geräumigen Zelten unterzukommen, die amerikanische Soldaten für sie aufstellten, während die überwiegende Mehrheit der mehreren hunderttausend anderen Opfer sich mit den veralteten, regendurchlässigen Zelten des türkischen Roten Halbmondes begnügen müssen.

Das ganze Leid der Erdbebenopfer bekamen die Clintons also nicht zu sehen: die verdreckten Toiletten in den Zeltstädten oder die bei Regen überfluteten Zeltlager in anderen Teilen des Unglücksgebietes. Nach der Erdbebebenkatastrophe vom August erwies sich immer wieder: Wer sich auf die Hilfe des türkischen Staates verlassen musste, der war verlassen. Auch jetzt, nach dem neuen Beben vom vergangenen Freitag, bleibt es den Amerikanern überlassen, rasch wetterfeste Notunterkünfte für zumindest einen Teil der Opfer zu besorgen. Clinton kündigte an, die USA würden 500 weitere winterfeste Zelte in die Region des jüngsten Erdbebens schicken, bei dem mehr als 500 Menschen starben und mehrere zehntausend obdachlos wurden. Dort haben die Betroffenen mit der Kälte des nahenden Winters zu kämpfen. Viele drängen sich in den zerstörten Städten Bolu, Düzce und Kaynasli nachts um Lagerfeuer. Seit Anfang der Woche sorgen mildere Temperaturen zwar für etwas Entspannung, doch dafür hat es angefangen zu regnen. Zugleich wurde bekannt, dass bei dem Beben in Bolu viele Gebäude einstürzten, die nach dem Beben im August von den Behörden für bewohnbar erklärt worden waren.

Den Menschen in der Zeltstadt Dogukisla geht es also noch vergleichsweise gut, und das zeigten sie den Clintons auch: Überall streckten sich der Präsidentenfamilie Hände von begeisterten Menschen entgegen, die auch nach zweistündiger Wartezeit im Regen noch bester Dinge waren. Und auch die Bewohner jener Zelte in Dogukisla, die von den Clintons besucht wurden, nahmen Unbequemlichkeiten in Kauf. Vor dem Eintreffen Clintons in der Zeltstadt wurden sie von amerikanischen Sicherheitsbeamten aus ihren Behausungen in den Regen hinauskomplimentiert - während die Zelte auf Bomben und Waffen durchsucht wurden.

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