Politik : Bei jungen IG-Metall-Mitgliedern formt sich Widerstand gegen Zwickels Pläne

Gegen das Modell von IG-Metall-Chef Zwickel für eine Rente mit 60 regt sich auch in seinen Reihen Widerstand. Baden-Württembergs IG Metall-Bezirksleiter Huber sagte dem Magazin "Stern": "Wir können in den nächsten Tarifrunden nicht den größten Teil des Verteilungsspielraums für ein Projekt verbraten, von dem am Ende vielleicht nur zehn Prozent der Beschäftigten profitieren." Eine Prognose, ob seine Mitglieder für die Rente mit 60 einen Arbeitskampf eingehen würden, wollte Huber "derzeit nicht wagen".

Vorbehalte äußerte auch der Jugendsekretär des IG-Metall-Bezirks Küste, Schrod. "Junge Arbeitnehmer, die ohnehin jede Mark umdrehen müssen, sollen in Tariffonds einzahlen, werden aber von der Frührente nie profitieren. Das ist schwer zu vermitteln", sagte er. Der Jugendsekretär des Bezirks Bayern, Stiedl, befürchtet "Akzeptanzprobleme vor allem in der Altersgruppe von 25 bis 35 Jahren." Diese Jahrgänge müssten "schon für ihre eigene Rente privat vorsorgen und sollen jetzt auch noch die Frührente der Alten bezahlen".

Die IG Metall hat unterdessen die Arbeitgeber wiederholt aufgefordert, ihr "borniertes" Nein zur Rente mit 60 aufzugeben. Sie vergäben dadurch die einzige Chance, in den nächsten Jahren beschäftigungswirksame Tarifpolitik zu machen, erklärte IG-Metall-Chef Klaus Zwickel am Mittwoch im Gespräch mit dem Handelsblatt. Die anderen Gewerkschaften warnte er davor, die im Februar im DGB vereinbarte gemeinsame Linie zu verlassen. "Wir waren uns damals einig, die Rente mit 60 zu einem Baustein des Bündnisses für Arbeit zu machen. Wenn einzelne Gewerkschaften nun beim ersten Gegenwind diese Linie verlassen, gefährden sie das ganze Projekt."

Die IG Metall in Sachsen-Anhalt kündigte derweil an, sie wolle die Rente mit 60 in der kommenden Tarifrunde für die Metall- und Elektroindustrie zum Thema machen. Über die Höhe der Lohnforderungen werde im Januar 2000 entschieden, sagte IG-Metall-Bezirksleiter Meine in Magdeburg auf einer Betriebsrätekonferenz. Der Tarifvertrag läuft am 29. Februar kommenden Jahres aus.

Der Sozialexperte der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft, Freitag, erklärte im ZDF-Morgenmagazin, die Rente mit 60 sei zwar kein Allheilmittel, aber wenigstens eine Möglichkeit, der Massenarbeitslosigkeit zu begegnen. Eine Rente mit 60 wäre eine Chance, jungen Menschen eine Arbeitsstelle zu vermitteln.

Kritik kam dagegen vom Deutschen Frauenrat. Der Dachverband monierte, dass nur die wenigsten Frauen auf Grund von Erziehungszeiten auf 35 rentenbeitragspflichtige Berufsjahre kämen, eine der Voraussetzungen für die Rente mit 60. Die Frauen würden damit das Tariffondsmodell mitfinanzieren, aber selbst nicht davon profitieren.

Der stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Brüderle nannte die Vorstellung, mit der Rente mit 60 Arbeit zwischen Alt und Jung umverteilen zu können, als "geradezu absurd". Bezahlen müssten diejenigen, die nie in den Genuss der Frühverrentung kommen würden. Damit werde ein künstlicher Konflikt zwischen den Generationen geschürt.

Der Vorsitzende der CDU-Rentenkommission, Storm, sprach sich im Inforadio Berlin-Brandenburg für eine Erhöhung des Renteneintrittsalters aus. Das sei eine logische Konsequenz aus der steigenden Lebenserwartung. Der Leiter des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft, Miegel, hält ebenfalls eine Heraufsetzung des Rentenalters für unabdingbar, damit das Rentensystem auch künftig bezahlbar bleibe. "Wenn das Zugangsalter von 65 auf 70 Jahre steigt, könnte die Überalterung in der Bevölkerung ausgeglichen werden", sagte Miegel dem Wirtschaftsmagazin "Geldidee". Im Zuge der Rentenstrukturreform müssen nach Ansicht der nordrhein-westfälischen Sozialministerin Brusis (SPD) auch die derzeitigen Rentner Opfer bringen.

Nach dem mit Bundesarbeitsminister Riester (SPD) vereinbarten Modell für die Rente mit 60 soll entscheidende Voraussetzung für einen vorgezogenen Renteneinstieg die Bildung von Tariffonds sein. Mit ihnen sollen für die Frührentner mit 60 Jahren Abschläge von 18 Prozent der Rente ausgeglichen werden. Dazu sollen alle Arbeitnehmer jeweils 0,5 Prozentpunkte der Lohnerhöhung pro Jahr einzahlen. Der gleiche Beitrag wird von den Arbeitgebern verlangt.

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