Politik : Beide Arbeiten von Hubertus Knabe dürfen erscheinen

Benedict Maria Mülder

Welchen Einfluss die Stasi auf die westdeutsche Politik hatte, kann nun doch in zwei Büchern nachgelesen werden. Anfang Oktober erscheint im Links-Verlag das Buch über die "West-Arbeit der MfS". Am 20. Oktober folgt bei Propyläen die "unterwanderte Republik, Stasi im Westen". Darauf einigten sich, wie eine Behördensprecherin des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes dem Tagesspiegel gestern bestätigte, am vergangenen Freitag in einem "vertraulichen Gespräch" die Behördenleitung, Verlagsvertreter und der in der Gauck-Behörde beschäftigte Historiker Hubertus Knabe, Autor beider Bücher. Ursprünglich hatte es innerhalb der Behörde Versuche gegeben, das Erscheinen des Propyläen-Bandes zu verhindern.

Nach Auskunft der Sprecherin können lediglich "Teile des für Propyläen geschriebenen Manuskripte so nicht verwendet werden". Es müssten Veränderungen vorgenommen werden. Dies bezieht sich vor allem auf Erkenntnisse Knabes über die vor wenigen Monaten entschlüsselte Sira-Datei. Da sie bisher nicht öffentlich zugänglich sei, dürfe auch Knabe sich nicht auf sie beziehen. Dass das Propyläen-Buch erst nach der Frankfurter Buchmesse erscheine, erklärte die Sprecherin damit, dass es sich um einen privaten Verlag handle, während das Links-Buch eine seit langem vertraglich vereinbarte behördliche Veröffentlichung sei. Das Werk, von der Gauck-Behörde mit 25 000 Mark bezuschusst, soll dem Vernehmen nach in einer Auflage von 500 Exemplaren erscheinen. Christoph Links, Chef des Verlages, wollte sich dazu gestern nicht äußern.

Autor Knabe hatte immer wieder betont, dass die beiden Bücher nicht in Konkurrenz zueinander stünden. Während das Links-Buch vor allem Strukturen und Techniken der West-Arbeit des MfS untersuche, sich also eher an Spezialisten wende, wolle er sich mit dem bei Propyläen erscheinenden Band an ein breites Publikum wenden und die politische Wirkung der Stasiunterwanderung im Westen aufarbeiten. Dabei komme er zu dem Ergebnis, dass Umfang und Ausmaß der Zersetzungs-, Beeinflussungs- und Desinformationsbemühungen des MfS in der Vor-Wende-Bundesrepublik bislang weit unterschätzt werden. Auch daran entzündete sich in der Behörde der Streit.

Auch wenn ohnehin alle Veröffentlichungen von Mitarbeitern der Behörde durch den Bundesbeauftragten genehmigt werden müssen, stand für den Bundesbeauftragten Joachim Gauck die Frage im Vordergrund, "wie und ob neben (Knabes) Vertragstätigkeit private Forschungen möglich sind". Knabe kann als Beschäftigter der Behörde, anders als externe Wissenschaftler oder Journalisten, Akten und Datenträger ungeschwärzt einsehen und untersuchen. Vor allem auf diese Grauzone zwischen Behördenrecht auf der einen und der Forschungs- sowie Veröffentlichungsfreiheit auf der anderen Seite hat der Konflikt um die Bücher aufmerksam gemacht.

Alle Beteiligten sprachen gestern von einer "einvernehmlichen Lösung". Es sei das wichtigste, dass die Bücher endlich erscheinen, betonte Knabe. Noch ist allerdings unklar, ob Knabe, der im Zuge der Auseinandersetzung als kommissarischer Sachgebietsleiter abgesetzt worden war, in seine alte Funktion zurückkehrt. Nach Auskunft der Behördensprecherin werde die Stelle ausgeschrieben. Gauck selbst hatte von einer vorübergehenden Abberufung gesprochen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben