Politik : Beide Seiten der Sonnenallee

Von Matthias Meisner

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Was nicht zusammengehört, soll jetzt zusammenwachsen, und das ausgerechnet an der Sonnenallee. Im Estrel Convention Center, nur ein paar Meter vom ehemaligen Grenzübergang zwischen Ost und West- Berlin entfernt, wollen 418 Delegierte der Linkspartei, wie sich die PDS jetzt gerne nennt, an diesem Samstag die Weichen stellen für einen Erfolg am 18. September. Vordergründig geht es um ein Wahlprogramm und um eine Bühne für Oskar Lafontaine und Gregor Gysi. Doch nach dem Wahltag? Eine Linke, die sich in Ost und West neu formiert, könnte schon bald die deutsche Parteienlandschaft erheblich verändern – und die Erosion der SPD beschleunigen. Die linke Volkspartei steht, möglicherweise, vor der größten Bedrohung ihrer Geschichte.

Ob das Gysi und André Brie gewollt haben, als sie vor drei Jahren, mitten im Bundestagswahlkampf 2002, einen Brief an das einfache SPD-Mitglied Lafontaine schrieben? Brie ließ sich damals gern als Vordenker der PDS titulieren, und er warnte, Erwägungen über eine künftige Vereinigung von SPD und PDS auf Bundesebene seien völlig falsch und unnötig, gar kontraproduktiv. Die SPD, das glauben Gysi und Brie bis heute, brauche die Herausforderung von links.

Denken alle so? Lafontaine selbst hält es für möglich, dass Linkspartei und SPD doch noch mal zusammenfinden – zu einer Lafontaine-SPD. Das wäre das krönende Ende seines Rachefeldzuges gegen Gerhard Schröder. Rache mag ein schlechtes Motiv sein, doch festzuhalten ist: Lafontaine ist Mitglied der WASG, für die Linkspartei/PDS tritt er nur an. Gefestigt ist in seinem neuen Verein gar nichts. Für Lafontaine ist alles nur eine Frage der Bühne. Und in der letzten Zeit hat er sich da nicht besonders wählerisch gezeigt.

Langsam merken die Sozialisten aus dem Osten, was sie sich mit dem Saarländer als Zugpferd West alles eingehandelt haben: Es mag ja noch durchgehen, dass er schlecht entscheiden kann, ob er lieber ungestört Ferien machen will oder sich per Privatjet zum Forum einer Boulevardzeitung fliegen lassen sollte. Der frühere SPD-Vorsitzende polarisiert systematisch: Er biedert sich bei den Wählern rechtsextremer Parteien an, Stichwort Fremdarbeiter. Er predigt Realitätssinn und stempelt so im Vorbeigehen seine neuen Genossen als Illusionisten ab, Stichwort Mindestlohn.

Das Problem der SPD: Sie kann die mittelfristigen Wirkungen des Comebackversuchs von Gysi und Lafontaine kaum abschwächen. Nach einer wohl unvermeidlichen Wahlniederlage wird sie die Debatte um Kurskorrekturen frei Haus bekommen. Eine nach links gerückte SPD – und ähnlich geht es auch den Grünen – wird sich der Frage, wie sie es mit den Linken hält, nicht entziehen können. Zerreißproben stehen an, wenn Schröders Erben sich personell neu aufstellen. Werden sie eine Partei links von der SPD als westeuropäische Normalität einfach akzeptieren?

Das Problem der Linkspartei: Es ist noch gar nicht sicher, dass sie Erfolg hat. Mit einer Linksfraktion im nächsten Bundestag ist zu rechnen. Doch so absurd es klingt: Je schlechter das Bündnis bei der Wahl in drei Wochen abschneidet, umso besser für die Linken. Denn mit jedem Abgeordneten mehr wächst die Gefahr, dass – selbst wenn Gysi und Lafontaine gut zusammenspielen – die Truppe nicht zusammenzuhalten ist. Noch konfliktträchtiger ist die angestrebte Vereinigung der beiden Parteien: Die WASG soll dafür sorgen, dass die Linke auch im Westen so fest verankert ist wie die PDS im Osten, doch bisher ist sie nur ein linkes Mauerblümchen. Man kann sich ein Lächeln nicht verkneifen: Ausgerechnet Brie warnt jetzt vor dem „Luxus-Linken“ Lafontaine und den Risiken des Experiments Linkspartei. Machen der PDS am Ende die Westlinken den Garaus?

Sonnenallee – vor ein paar Jahren wurde daraus mal ein Film über die Idylle der DDR-Jugend in den 70er Jahren. Der sei wenig geschichtsgetreu, schrieben die Kritiker damals. Auch die Aufführung der Linkspartei an diesem Samstag an dieser Straße hat etwas von einer verlogenen Geschichte.

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